Der Spannungsbogen eines Pastors

Der Spannungsbogen eines Pastors

Der Spannungsbogen eines Pastors

© Beat Ungricht

Nun arbeite ich seit vier Jahren als Regionalleiter bei Chrischona Schweiz. In der Zeit haben ich einige Male schmerzhaft erlebt, dass Pastoren im Altersbereich 50+ in eine Krise hineinrutschen, die sie oft selbst gar nicht recht benennen können. Sie spüren einfach: Vor nicht langer Zeit habe ich echt etwas bewegen können, war da und dort sehr kraftvoll unterwegs. Aber jetzt… leise Kritik da und dort.

Ich selbst werde träge, spüre auch etwas mein «Älter-werden». – In diese Situation hinein habe ich vor einem Jahr den folgenden Aufatmen-Artikel geschrieben. Ich hoffe, dass er dich inspiriert, genauer und vertiefter in dich hineinzuhören. Ich selbst habe erfahren, dass eine nochmalige Berufsausbildung mich um die 50ig enorm herausgefordert, mich aber auf eine nächste Ebene geführt hat, in der ich top motiviert in meiner Berufung unterwegs sein kann. Jesus möge dich in ein offenes Suchen und Finden führen! Sei gesegnet! Wenn du zu diesem Thema ein persönliches Gespräch wünschst, kannst du mich gerne ansprechen.

In meiner zwanzigjährigen Dienstzeit als Pastor einer Freien Evangelischen Gemeinde habe ich mit den ehrenamtlichen Vorsitzenden fast jedes Jahr darüber nachgedacht: Wo stehen wir gemeinsam? Wie gut gelingt es mir als leitender Pastor, unsere Gemeinde weiter zu entwickeln und in eine nächste Phase zu führen? Wie schätzen wir diese Entwicklung für die nächsten Jahre ein? Braucht es weitere Begabungen, ergänzende oder andere Persönlichkeiten? Beides war mir wichtig: eine aktuelle Bestandsaufnahme wie auch eine langfristige Weitsicht. Warum?

Ich bin überzeugt, dass die meisten Pastorinnen und Pastoren (im Folgenden immer geschlechtsneutral gemeint) in ihrer Gemeindearbeit so etwas wie einen Spannungsbogen erleben, in dem sie die Gemeinde weiterentwickeln können. Dabei ist wichtig, dass jeder Spannungsbogen Anfang und Ende hat.

Das Bild eines Spannungsbogens wird oft beim Erzählen von Geschichten, im Aufbau von Filmen oder Theaterstücken verwendet. Der Spannungsbogen ist der „Rote Faden“ oder die „Klammer“, die eine Geschichte zusammenhält und umschliesst. Es geht darum, Aufmerksamkeit, Interesse und Erwartung von Zuschauenden möglichst durchgängig aufrecht zu erhalten. Pastoren sind sich aber oft kaum bewusst, dass sie im Verlauf ihrer Gemeindearbeit so etwas wie einen Spannungsbogen aufbauen oder Akteur in einem solchen sind. Und dass sie ihn möglichst durchgängig aufrechterhalten sollten, um zum richtigen Zeitpunkt zu einem guten Abschluss zu finden.

Ein Spannungsbogen baut sich auf

Wenn Pastoren eine gesunde Gemeindesituation antreffen, erwartet sie meist in den ersten zwei Jahren ein herzliches Willkommen und eine konstruktive Offenheit. Die einen Personen sind zugänglich oder sogar aufdringlich, andere eher zurückhaltend. Es entstehen bunte Beziehungen – manche näher, andere etwas ferner. Gute Beziehungen sind der elastische Kitt zwischen lebendigen „Menschensteinen“ beim Bauen der Kirche (1. Pet 2,5).

Bald entwickeln sich Ideen, wie Gemeinde auch anders sein könnte. Je nach Leitungspersönlichkeiten und Gemeindegrösse entstehen neue Werte, Visionen und Strategien. Die Kultur verändert sich. Gute Teams entwickeln die Fähigkeit, in einem komplexen Umfeld auf das einzugehen, was Gottes Geist überraschend einfädelt. Interessierte kommen dazu.

In dieser neuen Dynamik können Leitung und Pastor die Gemeinde durch verschiedene Initiativen und Projekte in eine nächste Phase führen. Beispiele:

  • Die Aufmerksamkeit auf das lenken, was Gott in und ausserhalb der Gemeinde tut/tun will und die Werte und Vision darauf ausrichten.
  • Eine Kultur entwickeln, in der die Gemeinde ein öffentlicher Ort wird, an dem jede/r willkommen ist.
  • Den evangelistischen Auftrag mehr als alles andere hochhalten und neue Zugänge zu einem evangelistischen Lebensstil erschliessen.
  • Es wächst eine Kultur der Wertschätzung, der Grosszügigkeit und des Respekts.
  • Leute mit sozialdiakonischem Anliegen finden Handlungsfelder und gewinnen weitere Gemeindeglieder für Projekte.
  • Neue Gebets- und Geistesbewegungen (z.B. prophetische Sensibilität für das Reden Gottes) können entstehen.
  • Die Lobpreisleiter und -teams entwickeln unterschiedliche Anbetungszugänge und gewinnen die Gesamtgemeinde dafür.
  • Kleingruppen fokussieren sich auf Jüngerschaftstraining.
  • Leiterinnen und Leiter werden gezielt gefördert und gecoacht.
  • Durch die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen werden Christen vor Ort sichtbar und erlebbar.

Pastoren investieren jahrelang in solche und andere Initiativen und Entwicklungen und erleben dabei ein Auf und Ab, wie es in der Skizze hier sichtbar wird. Manchmal sind sie der Gemeinde voraus, manchmal empfinden sie, dass sie der Gemeinde gerade nichts mehr zu sagen haben und die Gemeinde kaum in eine nächste Phase führen können.

Ich glaube, dass sich während der Zeit des intensiven Arbeitens bei den meisten Pastoren eine Botschaft entwickelt. Er wird mit der Zeit bekannt für eine Leidenschaft und ein Anliegen. Niemand hat alle Gaben oder vertritt jede Leidenschaft – aber auch wenn er zu unterschiedlichen Themen predigt, wird man seinen Herzschlag immer wieder heraushören. Dafür steht der Pastor. Dafür wird er bekannt. Der Heilige Geist formt diese Botschaft. Oft wird sie früh durch starke Erlebnisse in der eigenen biographischen Gemeindeentwicklung als eine Art DNA angelegt. Doch mit den Jahren gewinnt sie Kontur und wird formulierbar. Viele lassen sich von diesem Herzschlag anstecken. Ein Hinweis darauf kann sein, dass da und dort Anfragen für Vorträge und Predigten von ausserhalb an den Pastor gelangen.

Die Dynamik kann nachlassen

In diesen kraftvollen Jahren gibt es viel Arbeit. Zugleich nimmt die Spannung zu – aber manchmal beginnt der Bogen auch abzuflachen. Es kann zu kleineren oder grösseren Abnützungserscheinungen kommen. Oft hängen diese mit der Fähigkeit des Pastors zusammen, sich selbst so zu leiten, dass er geistlich, emotional und körperlich ausgeglichen und gesund bleiben kann. Der Zeitpunkt eines ersten „Einbruchs“ lässt sich nur bedingt festmachen, doch er kann schon nach wenigen Jahren eintreten. Dabei sind Fragen und Zweifel ganz normal, und es ist wichtig, sie jedes Jahr mit einigen Verantwortlichen in der Leitung zu teilen. Gemeinsam kann abgeschätzt werden, ob die ganze Leitung einbezogen werden soll. Geschieht dies, beginnt eine er weiterte Stufe der Fragestellung, bei der Pastoren und Gemeindeleitungen bereit sein müssen, nach dem Hinschauen auch Konsequenzen auszulösen. Es ist gut, wenn man das ausspricht und sich bewusst darauf einlässt.

Das Nachlassen der Dynamik kann sich durch eine gewisse Kurzatmigkeit bis hin zu einer Erschöpfung des Pastors äussern. Es kann wertvoll sein, sich dann folgende Fragen zu stellen:

  • Sind die Erwartungen der Gemeinde überhöht?
  • Wird der Pastor gut durch Assistenz-, Führungs- oder Verantwortungspersonen ergänzt? In welchen Bereichen könnte das gezielt ausgebaut werden?
  • Falls der Pastor die Gemeinde gegründet hat, stellen sich Fragen wie: Gelingt es dem Pionierpastor zu konsolidieren und zu strukturieren, damit weiteres Wachstum möglich wird? Welche Ergänzung braucht er neben sich – duldet er diese nur oder begrüsst er sie aktiv?
  • Wie kann sich der Pastor längerfristig so weiterbilden und neue Inspiration erhalten, dass er in einer nächsten Phase seine Leidenschaft „neu“ einbringen kann und weiterhin etwas zu sagen hat?
  • Wie können seine Stärken erweitert werden?
  • Manchmal zeigen sich ausgeprägte Schwächen, die ein Pastor und die Leitung offen erkennen. Zum Beispiel: Wie empathisch ist er? Wie strategisch denkend? Wie könnte er in einer nächsten Phase bewusst in diese Schwachstellen investieren, um mehr Balance herzustellen?
  • Wie erweitert er seine Führungsfähigkeiten?
  • Wie entwickelt er seine Predigtfähigkeit und Inspiration in eine nächste Phase? Das ist oft ein heikler Punkt bei Pastoren. Viele nehmen ein Hinterfragen hier sehr persönlich. Doch an dieser Stelle liegt grosses Potential für ein echtes Durchstarten – oder für eine Abwärtsentwicklung des Spannungsbogens.
  • Ist eine weitere Anstellung hilfreich? Manchmal macht es eher Sinn, eine initiative Assistenz-Person für den Pastor anzustellen, als einen neuen Pastor dazu zu nehmen. So würde er von Management- und Administrationsaufgaben entlastet.
  • Welche strukturellen Anpassungen würden helfen, damit Leitung und Gemeinde in eine nächste Phase gehen kann? Hier ist es oft hilfreich, einen Coach beizuziehen, der in Gemeinde- und Organisationsentwicklung Erfahrung hat.
  • Ist es dran, dem Pastor eine Auszeit zu ermöglichen, damit er neu auftanken kann? Sind wir hörbereit für Veränderungen durch diese Zeit?

Gelingt es dem Pastor gemeinsam mit der Leitung, diese ersten Abnützungserscheinungen proaktiv anzugehen, bestehen gute Möglichkeiten, sich neu auf einen weiteren Weg einzulassen. In einem Zeitabschnitt von sieben bis zwölf Jahren werden sich solche Momente in kleinen oder grösseren Etappen wiederholen.

Gary McIntosh wagt in seinem Buch „Stufen des Gemeindewachstums“ die These: „Gemeinden wachsen so stark wie ihre Pastoren wachsen.“ Als ich das Buch las, betete ich in meinem Tagebuch: „Jesus, zeige mir, wie ich unserer Gemeinde so vorauswachsen kann, dass sie nicht mit mir oder sogar wegen mir stillsteht!“

In der Phase eines flacher werdenden Spannungsbogens frage ich Pastoren in Beratungsgesprächen oft: Wo befindest du dich in etwa auf deinem Spannungsbogen? Welche Eigen- oder Fremdwahrnehmungen führen dich zu der aktuellen Einschätzung? Wohin und wie wirst du dich in den nächsten fünf Jahren weiterentwickeln? Wirst du diese Arbeitsstelle verlassen oder hier nochmals eine neue Dynamik entwickeln können?

Abriss des Spannungsbogens

Leider erlebe ich auch, wie Pastoren einen Abriss ihres Spannungsbogens erfahren. Meist kündigt er sich leise an, aber er kann durchaus überraschend und schmerzvoll passieren. Oft zuerst im eigenen Erschrecken: „Mein Beten oder meine Predigt sind ungläubig geworden! Habe ich nicht längst gesagt, was ich zu sagen habe? Meine Projekte sind umgesetzt oder verraucht! Habe ich Glauben, Inspiration, fachliche Gemeindebau-Kompetenz und genügend Energie, um ‚meine‘ Gemeinde weiter zu führen? Ach, andere könnten das viel besser …!“

Noch intensiver nagen die Fragen, wenn ein Freund nach der Gemeindeleitungssitzung im Auto den Motor abstellt: „Hast du noch eine Minute? Mich beschleicht in der letzten Zeit ein merkwürdiges Gefühl! Ich spüre eine leise Unzufriedenheit. Das schreckt mich auf: Jahrelang wussten wir, wohin wir das Schiff lenken! Haben wir die Sicht verloren, wohin wir fahren wollen?“ Wenn solche Fragen auftauchen, kann es sein, dass Gemeindeleitung und Pastor ihren Spannungsbogen bereits überspannt haben.

Leider geschieht es, dass Pastoren, die ihren Spannungsbogen überdehnen, manches von dem zerstören, was sie in den Jahren zuvor positiv aufgebaut haben. Es gibt Situationen, in denen Pastoren – manchmal sogar in den letzten Berufsjahren – gekündigt werden muss, weil sie sonst die Gemeinde zerstören würden. Die Trauer über einen solchen letzten Dienstabschnitt und die notwendige berufliche Neuorientierung könnte erspart bleiben, wenn Pastoren, Leitungen und eventuell Verbandsleiter den Ort auf dem Spannungsbogen eines Pastors miteinander frühzeitig und offen thematisieren würden.

Ganz klar: Die Gemeinde darf nicht „dem Pastor geopfert werden“ – und der Pastor darf nicht „der Gemeinde geopfert werden“. Es ist genau umgekehrt: Die Gemeinde soll die Kräfte ihres leitenden Pastors freisetzen und der Pastor soll solange weiterführen, wie er spürt, dass er mit seinem vitalen Spannungsbogen die Gemeinde weiterentwickeln kann.

Leitende Pastoren, die zwischen 50 und 55 Jahren sind, sollten mit der Leitung zusammen proaktiv, ehrlich und ohne Rücksichtname die obigen Fragen beantworten können. Tun sie das nicht, kann es geschehen, dass sie die Gemeinde durch ihren eigenen sinkenden Spannungsbogen mit sich nach unten ziehen. Die Praxis zeigt, dass in solchen Momenten meist viel Barmherzigkeit da ist und man den Pastor die letzten Jahre noch „aushält“, „ihn durchliebt“ und „ihn machen lässt“. Doch so richtig Freude macht es niemandem mehr – weder dem Pastor, noch der Leitung, noch der Gemeinde. Wenn sich in einer solchen Situation Menschen verabschieden, kann die Gemeinde in ihrer Existenz gefährdet sein – vor allem kleinere Gemeinden.

Persönliche Herausforderung

Ein Unternehmer fragte mich in meinen letzten Jahren in Winterthur: „Wie lange brauchst du eigentlich, um eine Predigt vorzubereiten? Vermutlich bist du mit dem grossen Erfahrungshorizont sehr effizient geworden!“ Meine Antwort überraschte ihn:

„Nein, ich brauche länger denn je für die Vorbereitung einer Predigt! Ich muss mehr investieren, weil ich mit dem, was Gottes Geist durch mich sagen will, überraschen möchte! Ich will und kann nicht immer in etwa das Gleiche sagen, sonst hängen die Leute schon ab, wenn ich die Stufen zur Bühne hinaufsteige! Es kostet mich viel, immer wieder selbst neu inspiriert zu werden.“ Einer meiner besten Freunde, er war Vorsitzender der Gemeinde und damit mein Chef – forderte mich nach etwa 17 Jahren in einem Mitarbeitergespräch heraus: „Du machst vieles sehr gut, aber nach wie vor bist du in einigen Leitungsbeziehungen zu wenig empathisch. Ich möchte dir als nächstes Jahresziel eine Herausforderung mitgeben: Versuche deine empathischen Führungsfähigkeiten zu erhöhen!“ Die Art und Weise, wie er mir das sagen konnte, zeigte mir einmal mehr, wie wichtig echte Freunde sind!

Mit Jesus, meiner Frau und meinem Mentor zusammen entschied ich, eine zweijährige Kontemplations- und Beratungsausbildung zu machen. In dieser Zeit bin ich Jesus und mir selbst in einer ganz neuen Art begegnet – und vieles davon wirkt sich bis heute stark auf mein Arbeiten aus. Unter anderem investiere ich viel mehr in Menschen, als ich das je zuvor gemacht habe.

Wie geht es Ihnen? Welche Freunde fordern Sie heraus, nächste Schritte zu planen und konkret anzupacken, damit Sie Ihrer Arbeit oder Ihrer Gemeinde vorauswachsen können? Welchen Plan haben Sie für Ihre Weiterentwicklung?

Zu einem guten Abschluss finden

Zwischen 12 und 22 Jahren nach Start werden sich bei den meisten Pastoren und Gemeindeleitungen die Fragen verdichten. Durch grosse Projekte – bei uns in Winterthur waren es die Erneuerung der Gemeindevision nach aussen in die Stadt, der Aufbau der Sozialfirma „Stägetritt“ und der Neubau gate27 – ist es wichtig, dass ein Pastor auch längerfristig die nachhaltige Entwicklung trägt und begleitet. Sicher stimmt es, dass ein häufiger Wechsel von leitenden Pastoren in grösseren Gemeinden schädlich ist. Das hängt auch damit zusammen, dass sich in grösseren Gemeinden ein Pastorenteam die verschiedenen Dienste teilt und somit eine Breite und Vielfalt entsteht. Dadurch können die unterschiedlichen Bedürfnisse und Erwartungen besser getragen werden.

Aber auch in langfristigen Engagements stellen sich mit der Zeit grundlegende Fragen wie:

  • Ist es dem leitenden Pastor möglich, erreichte Ziele und Visionen so zu erneuern, dass er die Gemeinde in eine nächste Wachstumsphase führen kann?
  • Der Pastor ist „in die Jahre gekommen“. Hat er die Energie und Kraft, nochmals durchzustarten und sich in eine neue Generation von Leitenden zu engagieren? Unter Umständen bedeutet das einen grundlegenden Umbau seiner eigenen Leitungskultur und -struktur. Hat er eine innere Flexibilität, um sich wirklich auf Neues einzulassen oder hält er an Altem fest, weil er damit erfolgreich war?
  • Hat der Pastor genug Persönlichkeit und hat er ein tragfähiges Leitungs- und Angestelltenteam aufbauen können, damit er in eine Vaterrolle hineinwachsen und sich von manchen operativen Verantwortungen verabschieden kann?
  • Werden auch die Fragen um einen guten Dienstschluss und Abschied in offenen Prozessen bearbeitet, und ist die ganze Gemeinde in einer guten Weise informiert oder sogar involviert? Lassen sich diese und andere Fragen positiv beantworten, dann ist es gut möglich, dass der Pastor bis zum Ende seiner Dienstzeit die Gemeinde in einer vorbildlichen Weise führen und begleiten kann (hellblaue Line) – vermutlich in einer immer stärker werdenden Vaterrolle. Der Spannungsbogen kann weiter kraftvoll bleiben, was sich vor allem in tiefschürfenden und glaubensstärkenden Predigten zeigt.

In all diesen Fragen braucht es viel Weisheit und vor allem eines: Demut! Sie ist die höchste Tugend im Umgang mit dem eigenen Spannungsbogen – und dem der anderen.

 

Beat Ungricht

Beat Ungricht

Regionalleiter Zürich

Beat ist mit Bea verheiratet, die beiden haben drei Kinder und leben in Elsau, Winterthur. In der Region Zürich begleitet er 22 Gemeinden und brennt dafür, dass Jesus durch uns und unsere Gemeinde erlebbar wird. Er liebt es, zu vernetzen, beraten, nah und weit zu denken und mutig zu agieren.

Aufruf zum gemeinsamen Gebet für Erweckung, von Hanspeter Nüesch

Aufruf zum gemeinsamen Gebet für Erweckung, von Hanspeter Nüesch

Aufruf zum gemeinsamen Gebet für Erweckung, von Hanspeter Nüesch

© jcomp

„In den letzten Wochen habe ich immer wieder live oder online über glaubensvolles Gebet und Erweckung/Erneuerung gelehrt oder gepredigt. Diese Themen sind für mich nicht neu, ganz im Gegenteil, hatte ich doch schon vor nun 40 Jahren bei der Aktion Neues Leben mit dem Gebetsseminar und der Tonbildschau „Wirkungen des Gebets in der Vergangenheit“ auf den engen Zusammenhang von Gebet und Erweckung am Beispiel des Geistesaufbruchs rund um den Chrischonaprediger Markus Hauser im Aargauer Wynental und den Erweckungen in Wales und Korea aufzuzeigen versucht. Und immer wieder hat Gott mich während den gut 30 Jahren, in denen ich Campus für Christus leitete, ermutigt an der Vision der Erweckung als eigentlichem Ziel all unserer Dienste im In- und Ausland inkl der Explo-Konferenzen festzuhalten.

Versöhnung und Einheit als Voraussetzung zu erhörlichem Gebet

Seit ich nach einer tiefen Busserfahrung 1972 eine tiefgreifende Begegnung mit dem Heiligen Geist hatte und eine kleine Erweckung in unserer Sprachschule in England erlebte, hat mich das Thema nicht mehr losgelassen. Anhand des Studiums mancher Erweckungen der Vergangenheit ging ich der Frage nach, was eine Erweckung auszeichnet und was der menschliche Beitrag dabei ist. Im Umfeld des Schreibens meines Buches über das Vermächtnis von Ruth und Billy Graham beschäftigte ich mich mit der Frage, wie das Verhältnis von Evangelisation und Erweckung ist. Dazu studierte ich die Schriften von J. Edwin Orr, des Erweckungshistorikers schlechthin. Ein Resultat davon war neben der Schrift über Johannes Winzeler, meinen Urahn und Gründer mehrerer Gemeinden, das Magazin „Erweckung – Merkmale und Voraussetzungen“, das insbesondere die Erweckungen in Wales und den schottischen Hebriden zum Thema hat. (Das reichbebilderte Magazin kann solange Vorrat bei mir bezogen werden. Auch habe ich auf einer A4-Seite die wichtigsten Punkte zusammengefasst und maile die Kurzfassung auf Wunsch gerne zu.) Beim Studium der Erweckungsgeschichte wurde mir bewusst, dass Einheit und Versöhnung eine Voraussetzung für erhörliches Gebet ist. Eindrücklich hatten wir den Wert des versöhnten Miteianders bei den zwei vergangenen Christustagen in unserem Land erlebt, bei denen ich in Absprache mit den kirchlichen Trägerorganisatoren die Programmverantwortung trug. Mit den Fahnenträger-Betern für alle damals 2786 politischen Gemeinden der Schweiz ging für mich und für viele andere am Christustag 2004 in Basel ein langjähriger Traum in Erfüllung. Das ist sicher mit ein Grund warum ich mich seither engagiere, dass in vielen Ländern der Welt sich die Christen die Hand reichen, um in versöhnter Einheit Christustage zu veranstalten, indem sie die biblische Verheissung von 2. Chronik 7, 14 ernstnehmen: „Wenn mein Volk, über das mein Name genannt wird, sich demütigt und betet, mein Angesicht sucht und von seinen bösen Wegen umkehrt, dann will ich vom Himmel her hören, ihre Sünde vergeben und ihre Land heilen.“ Wenn man den vorangehenden Vers liest, der von Trockenheit, Heuschreckenschwärmen und Krankheitsseuchen spricht, dann wird deutlich, wie aktuell diese Verheissung für unsere Zeit ist.

Die grosse Gefahr, sich von unserem Auftrag ablenken zu lassen

Meines Erachtens war es noch nie wichtiger als jetzt, unsere Beziehung zu Gott und unseren Mitmenschen zu vertiefen und als Christen unseren Auftrag als Hoffnungsträger wahrzunehmen. Gottesfurcht oder Heidenangst. Wir müssen uns entscheiden, wovon wir unser Leben bestimmen lassen. Diejenigen, die Hoffnung verströmen, werden in Zukunft Leiterschaft übernehmen.

Vom Wort Gottes her wissen wir, was auf uns zukommt. Es hilft nicht, uns dagegen zu sträuben.

Die grösste Gefahr für uns Christusjünger ist nicht der Virus an sich, sondern dass wir uns von unserem Auftrag ablenken lassen durch unnütze Diskussionen, die nur zusätzliche Verunsicherung und Zwiespalt erzeugen bis hin zu einer lähmenden Zukunftsangst. Unsere Aufgabe ist es, mutig und glaubensvoll Gottes Sicht der Dinge zu verkündigen und inmitten der (end)zeitlichen Geschehnisse auf die ewige Hoffnung hinzuweisen. Gott sei Dank kennen wir den, der im Regiment sitzt.  Hinter Gottes Gerichtshandeln über einer Welt, die sich von seinen guten Ordnungen gelöst hat, ist der Ruf zur Umkehr an sein liebendes Vaterherz. Noch nie waren Menschen so offen für Zeichen von Gottes Liebe und Fürsorge. Noch nie aber waren sie gleichzeitig so angewiesen auf Menschen, die Sinn und Hoffnung vermitteln können. Eine 19-jährige Frau schreibt: «Was bleibt uns noch, als in unseren Wohnungen eingesperrt auf das Ende der Welt zu warten, pessimistisch, müde und handlungsunfähig? Keine Zukunft zu haben ist Teil unserer Identität.» „Help me Jesus!“ schreibt sie in ihr Tagebuch. Sind wir Christen da nicht gefordert, eine Antwort vom Evangelium her zu geben und unseren Mitmenschen den Weg zu Jesus zu zeigen?

Wie können wir Corona positiv nutzen?

Zwischen Auferstehung und Himmelfahrt ist Jesus zweimal nacheinander seinen Jüngern erschienen und hat ihnen den Auftrag gegeben, das Evangelium zu verkündigen mit den Worten: „Friede sie mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich auch euch!“ (Johannes 20, 21)

Vreni und mir ist es mehr denn je ein Anliegen, unser Augenmerk auf die Verheissungen Gottes und nicht auf die Probleme zu richten. Gleichzeitig wollen wir die Not unserer Mitmenschen ernstnehmen und ihnen wo immer möglich praktisch zur Seite stehen. Wir wollen bei der Bewirtschaftung der Ängste nicht mitmachen, sondern im Gegenteil Botschafter der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung sein. Wir wollen Lobpreis und Anbetung Gottes als Lebensstil pflegen, im Dankmodus bleiben und andere mit unserer Hoffnung und Freude in Christus anstecken. Wir sind überzeugt, dass der durch Corona verordnete Stopp aus dem Hamsterrad der Leistungsgesellschaft zum Segen werden kann. Als Folge unserer Glaubenshingabe und Erneuerung der ersten Liebe zu Christus werden wir Jesus-Nachfolger wieder zum Segen für eine Generation, die sich nach Hoffnung, Perspektive, echter Liebe und einem Sinn im Leben sehnt. Aber das bedingt einen Perspektivenwechsel unsererseits. Zeiten wie Corona sind Zeiten der Ausreifung und Verstärkung, zum Guten wie zum Schlechten. In Zeiten wo alles drunter und drüber geht, zeigt sich wie tief unser Lebensfundament ist, und ob wir unser Denken und Handeln von ewiggültigen Werten her prägen lassen. Dazu passen zwei Worte des Apostels Paulus, der mehr Bedrängnisse von seiner Umwelt her erlebte als wahrscheinlich wir alle: „Gestaltet euer Leben nicht nach dem Schema dieser Welt, sondern lasst euch umwandeln und eine neue Gesinnung schenken!“ (Römer 12, 2) und: „Trachtet nach dem was droben ist und nicht nach dem, was auf Erden ist!“ (Kolosser 2, 2). Corona ist in unserer hektischen Zeit mit den vielen Ablenkungen für uns alle ein Innehalten und Fragen, was unser Leben in der Vergangenheit geprägt hat und was es in Zukunft prägen soll. Ein erfülltes Leben basiert auf den richtigen Prioritäten.

Heute wie zur Zeit Jesajas fragt Gott seine Kinder: „Wen kann ich senden? Wer ist bereit, mein Bote zu sein?“ (Jesaja 6, 8). Wer ist bereit sich zuvor wie Jesaja reinigen und zurüsten zu lassen? Wem kann Gott die wunderbare Aufgabe anvertrauen, Botschafter der Versöhnung zu sein? Wer lässt sich von falschen Sicherheiten und Götzen in seinem Leben befreien? Wer ist bereit, auf die feine Stimme des Heiligen Geistes zu hören und zu fragen, wer sein Nächster ist, der seinen Zuspruch und seine Hilfe benötigt? Und wem kann Gott vertrauen, dass er/sie beim Gelingen allein Gott die Ehre gibt?

Gebet zu zweit und in kleinen Gruppen zur gegenseitigen Stärkung

In den kommenden Wochen und Monaten ist es zentral wichtig, dass wir einander beistehen und dass reifere gefestigte Christen sich väterlich bzw. mütterlich den Schwächeren annehmen und sie ermutigen.

Seit nun 36 Jahren treffen wir uns wöchentlich im kleinen Kreis in unserem Dorf zum Männergebet. Dabei haben wir festgestellt, dass jeder von uns Zeiten durchlief, wo er auf die Ermutigung und die Fürbitte der anderen besonders angewiesen war. Wir brauchen solche Gebetsfreunde, die schon länger mit Jesus unterwegs sind. Das hilft uns geistlich zu wachsen und fähig zu werden uns wieder anderen Menschen anzunehmen, die noch am Anfang ihres Lebens mit Jesus stehen. Besonders Menschen, die von ihrem Naturell her eher zu den Ängstlicheren und Zweifelnden gehören, brauchen uns. Angst und Zweifel sind bei Gott erlaubt. Den eher ängstlich veranlagten Menschen ruft Jesus zu: Ich bin’s. Fürchtet euch nicht!» (Johannes 6, 20). Jesus Christus begegnet uns oft in unseren Mitmenschen, die uns ermutigen, inmitten wirtschaftlicher und gesundheitlicher Not an Gottes Verheissungen dranzubleiben und uns praktisch und im Gebet zur Seite stehen. Deshalb ist das regelmässige Zweiergebet (physisch oder online) und das Gebet in kleinen Gruppen und Hauskreisen so nötig. Auch das gemeinsame Einnehmen des Abendmahls ist eine grosse Stärkung. Wichtig ist in jedem Fall, dass wir immer wieder Zeit nehmen, um Gott auf vielfältige Weise zu loben und ihm als Schöpfer zu danken. Zuhause dürfen auch Nicht-Profis singen! Gemütliche Jogging-Runden und Wanderungen in Gottes Natur laden geradezu zu einem Lob an unseren Schöpfer und Vater ein.

Beim Studium von Biographien habe ich festgestellt, dass es oft Zeiten der Not waren, die sie zu diesen starken Personen, die ein Segen für ihre Umwelt wurden, geformt haben. Ich habe Prägendes  von 30 christlichen Persönlichkeiten in kurzen Lebensbildern zusammengefasst. Die Palette reicht von Niklaus von Flüe, Christian Friedrich Spittler, Pfr. David Spleiss, Samuel Gobat, Dorothea Trudel, Henry Dunant, Dora Rappard, Bundesrat Wahlen, Pfr. Paul Vogt, Ernst Aebi, General Henri Guisan bis zu Vonette Bright. Daraus drei Zitate: Samuel Zeller, Leiter des Bibelheims Männedorf: «Gott hat nicht nur eine Sanitätsabteilung sondern auch eine Erziehungsabteilung.» Ernst Nigg, Oberst der Heilsarmee: «Das, was vor 2000 Jahren in Palästina passiert ist, kann heute und jetzt noch erlebt werden.» Ernst Rudin, CVJM-Sekretär: «Was du an der Stillen Zeit absparst, verlierst du; was du dazufügst, gewinnst du.» Die 32seitige Broschüre kann kostenlos bei mir bezogen werden.

Abschliessend ist es mir wichtig zu betonen, dass wir Gott im ernsthaften Gebet suchen sollen, ob und wann und wie nun die ersehnte geistliche Erweckung kommt oder nicht. Wer definitiv kommen wird, wissen wir. «Die Herren der Welt gehen, unser Herr kommt!» (Gustav Heinemann).

«Denn ich weiss wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden, wenn ihr mich von ganzen Herzen suchen werdet.»

Jeremia 29, 11-13

Die Freude am Herrn ist und bleibt unsere Schutzburg und Stärke (vgl. Nehemia 8, 10)“

Hanspeter Nüesch, ehemaliger Leiter von Campus für Christus und langjähriges Mitglied der Chrischona Buchs ZH. Verheiratet mit Vreni Nüesch. Das Magazin „Erweckung – Merkmale und Voraussetzungen“, die A4- Zusammenfassung sowie die Broschüre mit den 30 Lebensbildern von prägenden Persönlichkeiten können kostenlos bei ihnen bezogen werden: hpnuesch7@gmail.com.

 

Herzlichen Dank, H.P., für Deinen leidenschaftlichen Aufruf, noch an eine Erweckung in unserem Land zu glauben und dafür zu beten! Chrischona war seit den Anfängen eine Gebets-Bewegung, soll es auch weiterhin bleiben und immer wieder neu werden. Ich selbst durfte während Jahren in einer Chrischona Gemeinde als Pastor dienen, die wie andere Gemeinden in der Schweiz aus einer Erweckung um 1900 entstanden ist. Und u.a. in einem Jugendlager während meiner Zeit bei Euch in Buchs durfte ich selbst eine kleine Erweckung miterleben. Ich verstehe Dich so, dass Du die Prinzipien, die Du in Deinem Plädoyer beschreibst, nicht als magische Gesetze und knechtende Erwartungen siehst, sondern als Erfahrungswerte, die uns zur befreienden Ermutigung, Ausrichtung und Bevollmächtigung dienen sollen. In den letzten Monaten habe ich wiederholt die Einheit im gemeinsamen Bekenntnis des Evangeliums, wie wir es gerade im Apostolischen Glaubensbekenntnis finden, und die Einheit im Wirken des Heiligen Geistes hochgehalten. Es geht um die Kraft (Dynamis) des Evangeliums und um die Kraft (Dynamis) des Heiligen Geistes (Röm 1,16; Apg 1,8), die uns in Dynamik versetzen möchten. Das Gebet ist dabei ein zentraler Aspekt. Der Heilige Geist ist ein Geist des Gebetes: Er möchte uns im Gebet erfüllen und sein Wirken in uns führt uns wiederum ins Gebet.

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit

Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit

Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit

© naypong – de.freepik.com

Mitten in diesen unsicheren Tagen steigt die Sehnsucht nach klaren und einfachen Lösungen, die uns Antworten auf ungelöste Fragen geben können. Die Spannung nicht zu wissen, was übermorgen passiert oder die Angst zwischen den Fronten stecken zu bleiben, hat manchen von uns schon etwas (un)ruhig gemacht.

Die Spannung der grossen ethisch-moralischen Herausforderungen in unserem Land und die Komplexität der aktuellen weltpolitischen Lage hat die unangenehme Nebenwirkung, dass der eine oder andere unter uns sich zurückzieht oder nach Predigten, Personen oder Leitern sucht, die schnell eine einfache Antwort auf schwierige Fragen geben. Und es ist verständlich. Für jeden von uns, besonders auch für Christen. Die Herausforderungen sind vielfältig. Wie sollen wir uns zum Beispiel in die aktuelle Diskussion rund um Rassismus (BLM) einbringen? Eigentlich ist die Kirche ja der Ort, wo alle Menschen aller Nationen Gott anbeten können und sich durch Christus verbunden wissen (Jesaja 56,7). Unsere Kirchen sollten hier ein Beispiel gelebter Interkulturalität sein. Doch wenn wir uns dann noch mutig mitten auf die Strasse zu Menschen hinstellen, die gegen Rassismus kämpfen, stehen wir plötzlich mit radikalen extremen Kräften dort, die andere staatsfeindliche Ziele verfolgen. Was ist nun unser Auftrag? Ähnlich kompliziert wird es bei der Diskussion rund um die Ehe für alle. Wollen wir als Christen unsere Meinung ausdrücken, weil wir ja in einem Land mit freier Meinungsäusserung leben, merken wir sehr schnell, dass es Kräfte in diesem Land gibt, die biblische Werte nicht nur nicht hören wollen, sondern aktiv mit Drohungen bekämpfen. Also halten wir uns aus der Diskussion raus und lassen die Experten sprechen. Ist das die Lösung? Dann kommt da noch die Wiedereinführung der Gottesdienste mit den diversen Schutzkonzepten, welche sich dauernd ändern. War es nicht schön, als wir zuhause im Pyjama ein schönes Sonntagsprogramm angeboten bekamen? Warum sollen wir wieder in die Gemeinde gehen?

Wenn Lebenssituationen schwieriger und Fragestellungen komplexer werden, wenn wir unsicher werden, wenn wir aus der Komfortzone herauskommen, passieren eigentlich genau die wichtigen Dinge, die zeigen, was tief in uns steckt.

Mögliche Reaktionen, die ich gelegentlich beobachte, die aber nicht weiterhelfen sind:  

  • Vereinfachungen: einfache Erklärungen suchen, wie z.B. „das sind die Wehen der Endzeit“ oder „wir müssen uns zurückziehen“ oder „wir müssen radikaler evangelisieren“
  • Theorien: theologische oder konspirative Theorien entwickeln, um alle Phänomene dieser zu Zeit zu interpretieren und in der Gemeinde damit noch mehr Verwirrung stiften.
  • Angst: erstarren vor Angst und Schrecken. Nicht mehr wagen zu eigenen Überzeugungen zu stehen.  

Jesus gibt uns einen ganz anderen Hinweis, wie wir in bedrohlichen Zeiten agieren sollen. Er sagt in Lukas 21,28: Wenn sich dies alles zu erfüllen beginnt, dann seid zuversichtlich mit festem Blick und erhobenem Haupt! Diese prophetische Aussage von Jesus zeigt die enorme Kraft christlichen Glaubens in schweren Zeiten. Zuversicht, fester Blick, erhobenes Haupt! Warum? Weil er der Erlöser unseres Lebens und der Erbauer und Bräutigam seiner Gemeinde ist, die er zu sich ruft. Von wegen Rückzug und Angst, sondern Aufbruch und Mut, denn unser Schöpfer und Erlöser ist näher als wir denken. Ich fordere die Christen auf, nicht nur zu reagieren, sondern zu agieren, weil wir nichts zu verlieren haben, sondern nur zu gewinnen. Wir agieren in der Kraft des Heiligen Geistes:

  • Mit Hoffnung und Einsatz für die Gemeinde Gottes: Wir setzen jetzt erst recht alles ein, damit die Gottesdienste, die Anbetungszeiten, die Kleingruppen in unseren Gemeinden wieder voll in Fahrt kommen, nach der Corona Krise, weil es nicht unsere, sondern Gottes Kirche ist.
  • Einmischen: Wir denken mit und zeigen dieser Welt, dass unser Herr auch intelligente Antworten auf komplexe Fragen hat, weil er der Schöpfer ist und schöpferische Idee und Lösungen kennt.
  • Konstruktiv: Mithelfen und Mitbeten, ganz praktische Hilfe anbieten, in der Nachbarschaft und in der Gemeinde Hand anlegen, so wie es unsere pietistischen Väter machen würden, denn wir stehen auf ihren Schultern. Anstelle von Kritik- und Wutkultur, besser lösungsorientierte Aufbaukultur, denn nur miteinander entwickeln wir in dieser Welt Gottes Reich.

Genauso ist Gottes Wort: Es bleibt nicht ohne Wirkung, sondern erreicht, was es will. Und führt das aus, was ich ihm aufgetragen habe. Jesaja 55,11

Stefan Fuchser

Stefan Fuchser

Regionalleiter Romandie/Basel/Ticino und Leiter Gemeindepflanzungsteam

Stefan ist verheiratet mit Prisca und hat drei erwachsene Kinder. Er ist für die flächenmässig grösste Chrischona-Region zuständig und macht sich in unserem Team für Gemeindegründungen, Weiterbildung der Pastoren und die Mehrsprachigkeit unseres Movements stark.

Niederknien, um aufzustehen

Niederknien, um aufzustehen

Niederknien, um aufzustehen

© PantheraLeo1359531 / CC BY-SA

Dem Kniefall wurde in naher Vergangenheit eine neue Bedeutung zugesprochen, seit Colin Kaepernik, Spieler in der amerikanischen Football-Liga NFL keinen Nationalstolz mehr beim Abspielen der Nationalhymne demonstrieren wollte.

Anstatt wie alle anderen, stolz und gerade dazustehen bzw. sich bei der Hymne zu erheben, ging der Quarterback jeweils auf seine Knie. «To take a knee» war fortan eine öffentliche Pose des inneren Protests gegen Rassismus geworden.

Seit dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen weissen Polizisten wird das äussere Zeichen des Niederkniens als innerer Protest von der «Black Lives matter» Bewegung aufgenommen und zelebriert. Dabei ist immer nur ein Knie am Boden, während das zweite Bein doch bereit ist, wieder aufzustehen!

Aus dem gefangenen Sklaven, der zu früheren Zeiten vor seinen Herrn missmutig niederknien musste, wird nun der Freie, der sich paradoxerweise dadurch erhebt, dass er zunächst freiwillig auf seine Knie geht.

Der Bürgerrechtler John Lewis formulierte es so: «There is nothing wrong with kneeling down to stand up against injustice.” Das Niederknien wird neu als Zeichen der inneren Stärke und einer antiautoritären Haltung interpretiert. 

Oft wird das Niederknien (auf beide Knie) als unterwürfige Haltung gesehen, die sich zum Beispiel bei Krönungen, Ritterschlägen oder bei sakral-feierlichen Zeremonien der Kirche zeigt. Dabei beugt sich jeweils der Schwache vor dem Starken. Der sich kniende Mensch ist dabei zunächst Empfangender, bevor er erhöht wird. 

Eine spannende Dialektik, die natürlich nur beim Kniefals aus freien Stücken, so interpretiert werden kann. Die Körpersprache des Besiegten, der beim Knien seine Niederlage eingesteht, oder der Bittstellende, der damit seiner Bitte mehr Ausdruck verleihen möchte, ist es etwas anderes…

Als Bibelleser und Jesuskenner kommt mir dabei der Christushymnus aus dem Philipperbrief des Paulus in Sinn. Im zweiten Kapitel (2,6-11) heisst es von Jesus Christus, dass er sich entäusserte, also aus freien Stücken auf seine göttlichen Rechte verzichtete.

Jesus hat sich durch sein gehorsames Leiden und Sterben selbst erniedrigt, damit er anschliessend (nach seiner Auferweckung) doch wieder erhöht wird und den Namen (Ehrentitel) erhält, der über allen anderen Namen steht.

Sich selbst aus freien Stücken zu erniedrigen kann so auch als äusser(st)es Zeichen der inneren Stärke und vollen Hingabe (für Frieden und Gerechtigkeit) gedeutet werden.

Aufrechte Christen können im Blick auf (den vorbildlichen) Jesus auch knien. Nicht nur als Zeichen der göttlichen Demut und des frommen Unterwerfens, sondern auch im festen geistlichen Willen für ihn und sein bereits angebrochenes Reich der Himmel (wieder) auf- und einzustehen. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, wo wir wieder miteinander Gottesdienste feiern können, dass wir beim gemeinsamen Gebet solidarisch miteinander niederknien und damit unserer inneren Bereitschaft für Jesus Christus ein- und auch aufzustehen, zusätzlich zum Lippenbekenntnis, auch äusserlich durch unsere Körpersprache sichtbaren Ausdruck verleihen?!

Im Blick auf das zweite Kommen von Jesus Christus am Ende der Zeiten (siehe Offenbarung) geht man ebenfalls davon aus, dass sich alle Menschen, ganz gleich welcher Rasse oder Nation einmal vor ihm beugen werden.

Dabei stellt sich mir die persönlich entscheidende Frage: «Werde ich wohl freiwillig und aus eigenen Stücken mich vor dem Herrn aller Herrn beugen, oder gehöre ich vielleicht zu der Sorte von Bittstellern und Unterworfenen…?»

Niederknien, um aufzustehen ist jedenfalls schon lange ein tief ur-christliches Phänomen und mit dieser Paradoxie leben, glauben und bekennen wir uns, gemeinsam mit vielen anderen Christen weltweit und schon vor unserer Zeit, zu dem menschgewordenen, wieder in den Himmel aufgefahrenen und von dort auch wiederkommenden Jesus Christus.

 

… dass in dem Namen Jesus sich beugen sollen aller deren Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, … Phil. 2,10

Christian Seitz

Christian Seitz

Regionalleiter Mitte

Christian lebt in Zug, ist verheiratet und hat drei Kinder. Zur Region Mitte gehören Gemeinden in den Kantonen Aargau, Bern, Luzern, Schwyz, Uri, Zürich und Zug. Seine Leidenschaft gilt den Zweirädern, motorisiert oder nicht.

Geteilt ganz glauben

Geteilt ganz glauben

Geteilt ganz glauben

Credit: iStock.com/Mimadeo

Diese Woche bewegt mich der Psalm 27. David ringt um Nähe und Distanz mit Gott! Auf der einen Seite empfindet er sich als «ganz» und «integer», auf der anderen Seite als «geteilt» und «fragmentiert».

Ich spüre, wie ich da ganz David bin. Auf der einen Seite glaubt er ganz. Nichts kann ihn erschrecken – auch nicht massive Konfrontationen wie Krieg, Kriegsheere vor der Haustür oder irgendwelche Gegner und Übeltäter. Heute könnten wir von Corona-Viren, Klimaveränderung, Terroranschlägen und anderem reden. Seine Zuversicht überstrahlt alles: «Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Zuflucht! Vor wem sollte ich erschrecken» (V1)? Übersetzt: Gott ist mein so starkes Zuhause, dass mich nichts und niemand verunsichern und ängstigen kann!

Doch dann – im Vers 4 – tönt es ein wenig anders, wenn er bittet: «Ich wünsche mir über alles, in der Nähe Gottes zu wohnen und seine Freundlichkeit zu sehen.» Plötzlich ist dieses Zuhause nicht mehr selbstverständlich. Dafür muss er beten. Er bittet weiter, dass Gott sein lautes Rufen hört, ihm gnädig ist. Auch das ist nicht selbstverständlich. Er sucht Gottes Angesicht und bittet gleichzeitig, dass Gott sich vor ihm nicht verbirgt, ja ihn im Zorn nicht wegweisst, ihn nicht verlässt. Weshalb ist die Geborgenheit bei Gott so rasch verloren gegangen? Im Vers 13 kann er zweifelnd beten: «Hätte ich doch die Gewissheit, die Güte des Herrn zu schauen» und muss dann seiner Seele zusprechen: «Hoffe auf den Herrn. Sei stark, dein Herz sei unverzagt. Hoffe auf den Herrn.»

David spricht tief aus meiner Seele. Wie oft geht es mir genau gleich. Ich suche Jesus und weiss nicht, ob er mich hört, weiss nicht, ob er bei mir ist. Ich muss es glauben, will es annehmen! Aber ganz ehrlich: Ich kann dich, Jesus, mit all meinen Sinnen kaum wahrnehmen. Was ist das für eine einseitige Beziehung, die wir miteinander haben? Gerade in unserer beziehungs- und erfahrungsorientierten Welt ist das eine riesige Herausforderung, dich kaum erleben zu können und Glauben nicht viel mehr scheint, als Ahnen und Hoffen. Gott bleibt mir so unerfahrbar fern. Und scheint mir die Beziehung oft als einseitig von mir – im nicht Sehen und nicht Hören. Könnte es sein, dass aus dieser Sehnsucht heraus viele «Hören auf Gottes Stimme» Seminare boomen? Helfen uns der Lobpreis- und Anbetungszeiten, Gott zu fühlen? Versuchen wir kontemplativen Rückzugszeiten, Gott neu und anders zu erfahren?

Ich meine bei David zu spüren: Es geht ihm wie mir! Er schwankt durch Momente der klaren Zuversicht, sehnsüchtiger Gottessuche und enttäuschtem Zweifel.

In mein Tagebuch habe ich heute geschrieben: «Jesus, ich weihe mich heute Morgen dir. Du bist mein Herr und mein Gott. Dir will ich gehören und dir will ich dienen. Ich halte auch dann an dir fest, wenn ich den Eindruck habe, dass ich die Beziehung auf diese Weise manchmal fast nicht mehr aushalte. Du bist und bleibst mein Gott, den ich von Herzen liebe.»

Beat Ungricht

Beat Ungricht

Regionalleiter Zürich

Beat ist mit Bea verheiratet, die beiden haben drei Kinder und leben in Elsau, Winterthur. In der Region Zürich begleitet er 22 Gemeinden und brennt dafür, dass Jesus durch uns und unsere Gemeinde erlebbar wird. Er liebt es, zu vernetzen, beraten, nah und weit zu denken und mutig zu agieren.