Tausendsassa und Start-Up Gründer

von | 8. Mrz 2020 | Gemeindebau | 0 Kommentare

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Es war der 8. März 1840, genau vor 180 Jahren, als Spittler gemeinsam mit dem Schreinermeister Epple und seiner Adoptivtochter Susette in dem zerfallenen Kirchlein St. Chrischona betend niederknien, um das verwahrloste Gotteshaus als Ausgangspunkt ihres kirchlichen Start-Up-Unternehmen zu weihen.

Zukunft braucht Herkunft. Im Rahmen einer Dreier-Serie setzen wir uns daher mit unseren Wurzeln auseinander. In einem Dreiteiler beleuchten wir drei Persönlichkeiten aus der Gründerzeit: Christian F. Spittler, Heinrich Rappard und Markus Hauser. Den Anfang macht Christian F. Spittler. Zurück zur Geschichte:

Genau genommen war es bereits der zweite Versuch eine Pilgermissionsanstalt für Handwerker ins Leben zu rufen, nachdem Spittlers erster Anlauf 1834 in Feuerbach/Kandern scheiterte. Dieses Mal allerdings zündete seine innovative Idee, dass man auf St. Chrischona erstmals praktische Handwerker biblisch-theologisch ausbildet, damit diese anschliessend als wandernde Pilgermissionare und Bibelkolporteure national und international auf Reisen geschickt werden, um Menschen auf Jesus Christus hinzuweisen.

Frei nach dem Motto: «Global denken und lokal handeln, gründete Spittler ca. 30 sozial-christliche Unternehmen, die durch verschiedenste Aussenstationen auf mehreren Kontinenten breit verteilt aufgestellt waren. So hatte Chrischona bereits Ende des 19. Jahrhunderts mitunter «Filialen» in Texas, Israel, Russland, Deutschland, Jugoslawien, Äthipien und China.

Obwohl Spittler als überzeugter Nichtraucher galt, lautete sein Credo:

«Was hilft’s, wenn wir beim warmen Ofen und einer Pfeife Tabak die Notstände der Zeit bejammern, Hand anlegen müssen wir, und sei es auch ganz im Kleinen.»

Wie bescheiden der ideenreiche Tausendsassa dabei über sich selbst und seine innovativen christlichen Projekte urteilte wird an folgendem Zitat deutlich:

«Der Herr hat nebenbei bewiesen, dass er auch das Nichts, (das) gar Nichts aus grosser Gnade zu etwas machen will und kann.»

Auch wenn Spittler bei zahlreichen grösseren Start-Ups (Basler-Missionsgesellschaft, Schullehrer-Anstalt in Beuggen, Diakonissen-Anstalt in Riehen, Taubstummen-Anstalt in Beuggen, oder Kinderspital in Klein-Basel) beteiligt war, verlor er dabei den einzelnen Menschen und dessen Bedürfnisse nie aus dem Blick. Sein Mission-Statement definierte er mit folgenden Worten:

«Den Strom des Verderbens können wir zwar nicht aufhalten; aber unsere Sache ist es, einzelne aus demselben herauszuretten; und es gibt nichts Anziehenderes und Interessanteres als in dieser Weise für den Herrn zu arbeiten.»

Parallel zu seiner sozial-missionarischen Ausrichtung, dass Menschen erstmals von Jesus hören und ihnen sozial-diakonische Hilfe durch praktische christliche Nächstenliebe zu Teil wird, war es Spittler auch ausserordentlich wichtig, dass Christen nicht wieder «rückfällig» werden, und sich irgendwann von Glauben, Kirche und Bibel wieder verabschiedeten. Aus diesem Grund prägte und wiederholte Spittler bei vielen Gelegenheiten immer wieder den Slogan:

«Es ist nicht genug, durch das Evangelium die Heiden zu Christen zu machen, wir müssen auch sorgen, dass unsere Christen nicht wieder Heiden werden.»

Bei vielen Erfolgen, die Spittler immer wieder verzeichnen konnte, hatte er aber auch permanent mit Herausforderungen und Niederlagen zu kämpfen. Oft fehlte es an finanziellem Kapital für seine Projekte, oder man verweigerte ihm von höherer Ebene die Zustimmung für geplante Vorhaben. Immer wieder verliessen auch treue Mitarbeitende das Unternehmen und auch damals schon gab es eine Art kirchlichen Fachkräftemangel. Doch Spittler war nicht problem-, sondern stets lösungsorientiert. «Neue Not, neue Hilfe!», lautete seine Maxime. In

jeder Krise, sah er zeitgleich auch eine Chance, in der sich Gottes unterstützende Grösse offenbaren kann.

«Wir wollen aber nicht sowohl auf die Schwierigkeiten als vielmehr auf die allmächtige Hilfe dessen sehen, dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden.»

Durch sein aussergewöhnlich organisatorisches Talent und seine beziehungsorientierte Art hatte sich Spittler, als Sekretär bei der Basler-Missionsgesellschaft ein grosses Netzwerk an internationalen Partnern & kirchlichen Verbündeten aufgebaut. Allein seine schriftliche Korrespondenz umfasste ca. 25.000 Briefe. Heute hätte Spittler sicher viele «Follower» und «Freunde» auf sozialen Netzwerken, um sich mit Gleichgesinnten zu verbünden und über aktuelle Geschehen im kirchlichen Kontext informiert zu sein. Spittler war überzeugter Christ mit Unternehmensgeist, der stark an Allianzen interessiert war und sich bewusst in kirchliche Kollaborationen investierte. «Wo er auf echtes Christsein stösst, ist es ihm egal, ob die Leute Katholiken, Lutheraner oder Reformierte sind.» Schon vor 200 Jahren bemängelte er die kirchliche Zersplitterung und das christliche Silo-Denken, da es so viele wichtige Ressourcen absorbiert, um sich sozial-missionarisch und gesellschaftsrelevant zu investieren. «Ach, ich möchte Blut weinen, wenn Männer, von denen ich zuverlässig weiss, dass sie in Hauptpunkten einig sind, sich in untergeordneten Punkten streiten.»

Trotz seinem nie ruhenden Geschäftssinn und seiner permanenten Investitionsbereitschaft für neue christliche Start-Ups, war sich Spittler sehr bewusst, dass er lediglich als «Handlanger Gottes» und nur als ein Angestellter in Gottes Reich beschäftigt ist. Immer wieder musste er seinen eigenen Elan bremsen, um Gottes Absichten nicht «vorauszueilen». Die wirkliche Innovationskraft für seine Projekte bekam der Tausendsassa, allerdings nicht aus sich selbst heraus, sondern er formulierte Erfolge wie folgt:

«Wir müssen eben warten, bis sich eins ums andere entwickelt. Unser Glaube muss geübt und ins Gebet getrieben werden, eher er siegen kann.»

Welch ein «ideenreicher Tausendsassa und innovativer Start-Up Gründer» Spittler wirklich war, bringt die Todesanzeige eines Missionsblattes der Baslermission 1867 auf den Punkt:

«Als Sekretär der deutschen Christentumsgesellschaft gingen ihm durch die Korrespondenz und die persönliche Bekanntschaft mit vielen Gottesmännern erst recht die Augen auf über das unermessliche Elend der Menschheit und über die Liebe und Kraft Gottes und Jesu Christi. Dies ergriff er mit fester Glaubenszuversicht und tatkräftiger Liebe; und hingebungsvoll, furchtlos, in hohem Grad erfinderisch, unermüdlich, unwiderstehlich, wie er von Natur aus schon war, und durch Gottes Gnade immer mehr wurde, schritt er nun an die Gründung einer menschenfreundlichen und christlichen Anstalt nach der anderen: Pläne sinnend, Freunde für sie suchend und gewinnend, Gelder sammelnd, Komitees organisierend; wenn die Sache im Gang, sich zurückziehend; wenn sie ins Stocken geraten wollte, wieder hervortretend und abermals verschwindend, aber bis ins hohe Alter und bis aufs Sterbelager die Überzeugung festhaltend, immer noch mehr könne und solle und müsse geschehen für das Heil der Verlorenen, und das sei sein von Gott ihm angewiesener Beruf.»

Christian Friedrich Spittler war ein begnadeter Netzwerker, ein Organisationsgenie und Meister im Sammeln von Spenden. Immer wieder suchte er nach Antworten auf die Not seiner Zeit. Sein Lieblingswerk wurde die 1840 von ihm gegründete Pilgermission St. Chrischona in Bettingen.

Christian Seitz

Christian Seitz

Regionalleiter Mitte

Christian lebt in Zug, ist verheiratet und hat drei Kinder. Zur Region Mitte gehören Gemeinden in den Kantonen Aargau, Bern, Luzern, Schwyz, Uri, Zürich und Zug. Seine Leidenschaft gilt den Zweirädern, motorisiert oder nicht.

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