Carl-Heinrich Rappard

von | 14. Apr 2020 | Gemeindebau | 1 Kommentar

Zukunft braucht Herkunft. Im Rahmen einer Serie setzen wir uns daher mit unseren Wurzeln auseinander. Wir beleuchten Persönlichkeiten und Umstände, die für unsere Gründerzeit prägend waren. Teil 3 widmet sich dem zweiten Leiter der Pilgermission.

Innert 37 Jahren war Carl-Heinrich Rappard mitbeteiligt an über 60 Gemeindegründungen. Der damalige Leiter des Chrischona-Werks hatte 1869 den ersten Missionar in die Schweiz ausgesandt. Wenige Wochen vor seinem Tod eröffnete Rappard im Thurgau das 62. Vereinshaus. Damit ist Carl-Heinrich Rappard der geistliche Vater unseres Movements.

Angefangen hat diese explosionsartige Gemeindegründungsbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts, durch eine tiefe Krise im Leben einiger christlichen Leiter. Rappard war damals Leiter der Pilgermission und einer derjenigen, der an der Oberflächlichkeit der Christen litt. Die Sehnsucht nach neuer voller Hingabe und Ausrüstung mit dem Heiligen Geist prägten sein Leben. Er schrieb damals (Rappard Dora 1910:29):

«Herr lass uns Leute werden, wie es die ersten Diakone waren: Männer voll Glaubens und Heiligen Geistes.»

Rappard war ein sehnsüchtiger Mann, der den Segen Gottes suchte, der bereit war, alles zu tun, damit Gott wirken kann. Und er litt darunter, wenn Menschen im Glauben unentschlossen und lau waren. Er betete regelmässig kniend vor Gott und bat um das Wirken des Heiligen Geistes.

1874 nahm er mit seinem Schwager an der Erweckungskonferenz in Oxford teil, an welcher 3000 Teilnehmer innere Erneuerung suchten. Obschon die meisten dort bereits engagierte Christen waren, hatten sie ein inneres Verlangen nach mehr Freude an Gott und nach mehr Verwirklichung des Reiches Gottes.

Nach einer intensiven Konferenzzeit der Hingabe und der Busse erlebte Rappard während einer Nacht ein neues Aufatmen in der Gegenwart Gottes. Er schreibt (Rappard 1875:9):

«Ich muss es freudig bezeugen, dass ich einmal auf meinem Lager während mehrerer Stunden der Nacht nichts anderes tun konnte, als den süssen Vaternamen in meinem Herzen zu bewegen. ⦋…] Ein seit der ersten Liebe schmerzlich vermisster oder auch wohl noch nie gekannter Friede mit einem freudigen Gefühl der Nähe eines versöhnten Gottes erfüllte die Herzen.»

Für viele Teilnehmer war diese Begegnung mit Gottes Gnade und Liebe eine Antwort auf die Suche nach einer inneren Erneuerung durch Gottes Geist. Rappard schreibt später darüber in der Schrift «des Christen Glaubensweg» (1875:11/Bd1):

«Das auf den Altar gelegte, lebendige Opfer empfängt das Feuer von Gott.»

Reich mit diesen wertvollen Erkenntnissen reiste Rappard zurück in die Schweiz, wo er auf St. Chrischona ähnliche Erweckungsveranstaltungen durchführte, die ebenso zu neuer Hingabe und Erweckung unter den Studenten führte.

Rappards Berichte über seine Erfahrungen öffneten überall in der Schweiz die Türen. Eine geistliche Erweckung begann viele Menschen zu erfassen, sowohl Christen wie Nichtchristen. Rappard war einer der ersten, der in Basel Evangelisationsveranstaltungen einführte. Er wollte möglichst viele Menschen zu einer Begegnung mit der Kraft und Gegenwart Gottes einladen. 1875 mietete er ein altes Zirkuszelt für ein paar Tage zum Thema «Helle Wochen», um dort mit O. Stockmeyer, E. Schrenk, A. Vischer und J.J. Riggenbach zu evangelisieren. Rappard sagt später zu seiner Frau, dass Menschen zu Jesus rufen «meine Lust» ist (D. Rappard 1919:41). Er führte tatsächlich viele Menschen zu einem lebendigen Glauben und begann eine intensive Reisetätigkeit als Evangelist in der Schweiz und in ganz Europa.

Die Motivation für seine Berufung fasst er folgendermassen zusammen (1877:222/Bd3):

«Der versöhnten Seele zu bezeugen, wie sie in Wahrheit durch völlige Übergabe und völligem Glauben bis zu dem persönlichen Jesus hindurchdringen solle, um dann an dieser Quelle aller Segnungen und aller Heiligung zu bleiben, auch mitten in der Unruhe des irdischen Lebens.»

Diese Erneuerungsbewegung verbunden mit evangelistischen Aktivitäten in der ganzen Schweiz brachte einen geistlichen Aufbruch. Nicht nur Rappard, auch andere Leiter und Pastoren erlebten eine Erweckung und erzählten davon. Die Hingabe, die Neuausrüstung mit dem Heiligen Geist war der Anfangspunkt einer flächenartigen Erweckung in der Schweiz. Viele Gemeinden wurden gegründet. Chrischona Gemeinden entstanden zuerst im Thurgau, dann in der Westschweiz und im Aargau.

Ich habe mich gefragt, warum gerade zu dieser Zeit eine solche Erweckung Fuss fassen konnte. C.H. Rappard gibt uns dazu einen entscheidenden Hinweis, der das Empfinden der damaligen Zeit widerspiegelt. Er schreibt über seine erste Zeit im Dienst für Gott, noch bevor er in Oxford die innere Erneuerung erlebt hat (CGW 1875:4/Bd1):

«Ich bin überzeugt, dass Tausende von gläubigen Christen mich verstehen werden, wenn ich sage, dass ich seit meiner Bekehrung zum Herrn und einer zehnjährigen Arbeitszeit als Zeuge des Evangeliums, oft schmerzlich den Mangel an innerer Heiligung vermisste.»

Warum wohl? Pietisten waren eifrige Leute, Umsetzer der biblischen Wahrheiten, Bibelkenner, die ihren Glauben praktisch umsetzten, aber ihre «Arbeit für den Herrn» liess der Innerlichkeit zu wenig Platz. Auf dem aktivistischen Boden des Pietismus wirkte die Entdeckung der Liebe von Jesus und der Gegenwart des Heiligen Geistes wie frische Luft für die müden Arbeiter. Ein Aufatmen ging durch die Reihen, vor allem deshalb, weil nicht nur Christus wortreich in den Mittelpunkt gestellt wurde, sondern seine Kraft und seine Gegenwart die müden Herzen tatsächlich berührte und erneuerte.

So ist es! Das Chrischona Movement in der Schweiz wurde durch begeisterte Anhänger von Jesus und das Wirken des Heiligen Geistes gegründet. Wir sind entstanden aus einer Jesusbegegnung und einer Geist Gottes Bewegung! Was heisst das für heute?

Stefan Fuchser

Stefan Fuchser

Regionalleiter Romandie/Basel/Ticino und Leiter Gemeindepflanzungsteam

Stefan ist verheiratet mit Prisca und hat drei erwachsene Kinder. Er ist für die flächenmässig grösste Chrischona-Region zuständig und macht sich in unserem Team für Gemeindegründungen, Weiterbildung der Pastoren und die Mehrsprachigkeit unseres Movements stark.

1 Kommentar

  1. Guter Artikel, der auch einige wesentliche Punkte der Heiligungsbewegung aus dem 19. Jahrhundert aufzeigt. Heiligung ist heute in unseren Gemeinden und Gottesdiensten eher ein Randthema. Warum eigentlich? Und worum geht es bei der Heiligung? Um Selbstverbesserung? Um ethische Massstäbe oder um Richtlinien? Ohne den Heiligen Geist, ohne dieses Erwecktwerden durch den Geist, verkommt die Heiligung schnell zum Machertum oder schlimmer zum Pharisäertum. Darum bitten wir Gott demütig und sehnsüchtig darum, dass er seinen Geist über uns ausgiesst.

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