Geteilt ganz glauben

Geteilt ganz glauben

Geteilt ganz glauben

Credit: iStock.com/Mimadeo

Diese Woche bewegt mich der Psalm 27. David ringt um Nähe und Distanz mit Gott! Auf der einen Seite empfindet er sich als «ganz» und «integer», auf der anderen Seite als «geteilt» und «fragmentiert».

Ich spüre, wie ich da ganz David bin. Auf der einen Seite glaubt er ganz. Nichts kann ihn erschrecken – auch nicht massive Konfrontationen wie Krieg, Kriegsheere vor der Haustür oder irgendwelche Gegner und Übeltäter. Heute könnten wir von Corona-Viren, Klimaveränderung, Terroranschlägen und anderem reden. Seine Zuversicht überstrahlt alles: «Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist meines Lebens Zuflucht! Vor wem sollte ich erschrecken» (V1)? Übersetzt: Gott ist mein so starkes Zuhause, dass mich nichts und niemand verunsichern und ängstigen kann!

Doch dann – im Vers 4 – tönt es ein wenig anders, wenn er bittet: «Ich wünsche mir über alles, in der Nähe Gottes zu wohnen und seine Freundlichkeit zu sehen.» Plötzlich ist dieses Zuhause nicht mehr selbstverständlich. Dafür muss er beten. Er bittet weiter, dass Gott sein lautes Rufen hört, ihm gnädig ist. Auch das ist nicht selbstverständlich. Er sucht Gottes Angesicht und bittet gleichzeitig, dass Gott sich vor ihm nicht verbirgt, ja ihn im Zorn nicht wegweisst, ihn nicht verlässt. Weshalb ist die Geborgenheit bei Gott so rasch verloren gegangen? Im Vers 13 kann er zweifelnd beten: «Hätte ich doch die Gewissheit, die Güte des Herrn zu schauen» und muss dann seiner Seele zusprechen: «Hoffe auf den Herrn. Sei stark, dein Herz sei unverzagt. Hoffe auf den Herrn.»

David spricht tief aus meiner Seele. Wie oft geht es mir genau gleich. Ich suche Jesus und weiss nicht, ob er mich hört, weiss nicht, ob er bei mir ist. Ich muss es glauben, will es annehmen! Aber ganz ehrlich: Ich kann dich, Jesus, mit all meinen Sinnen kaum wahrnehmen. Was ist das für eine einseitige Beziehung, die wir miteinander haben? Gerade in unserer beziehungs- und erfahrungsorientierten Welt ist das eine riesige Herausforderung, dich kaum erleben zu können und Glauben nicht viel mehr scheint, als Ahnen und Hoffen. Gott bleibt mir so unerfahrbar fern. Und scheint mir die Beziehung oft als einseitig von mir – im nicht Sehen und nicht Hören. Könnte es sein, dass aus dieser Sehnsucht heraus viele «Hören auf Gottes Stimme» Seminare boomen? Helfen uns der Lobpreis- und Anbetungszeiten, Gott zu fühlen? Versuchen wir kontemplativen Rückzugszeiten, Gott neu und anders zu erfahren?

Ich meine bei David zu spüren: Es geht ihm wie mir! Er schwankt durch Momente der klaren Zuversicht, sehnsüchtiger Gottessuche und enttäuschtem Zweifel.

In mein Tagebuch habe ich heute geschrieben: «Jesus, ich weihe mich heute Morgen dir. Du bist mein Herr und mein Gott. Dir will ich gehören und dir will ich dienen. Ich halte auch dann an dir fest, wenn ich den Eindruck habe, dass ich die Beziehung auf diese Weise manchmal fast nicht mehr aushalte. Du bist und bleibst mein Gott, den ich von Herzen liebe.»

Beat Ungricht

Beat Ungricht

Regionalleiter Zürich

Beat ist mit Bea verheiratet, die beiden haben drei Kinder und leben in Elsau, Winterthur. In der Region Zürich begleitet er 22 Gemeinden und brennt dafür, dass Jesus durch uns und unsere Gemeinde erlebbar wird. Er liebt es, zu vernetzen, beraten, nah und weit zu denken und mutig zu agieren.

Ihr werdet sein wie Gott

Ihr werdet sein wie Gott

Ihr werdet sein wie Gott

Credit: iStock.com/bpperry

Als Mensch so sein, wie Gott ist – ist das unsere tiefste Berufung oder die grösste Sünde oder irgendetwas dazwischen?

Im Osten taucht die Sonne die Wolken in sanftrotes Licht. Glitzernd tropft der Tau von den Fäden der Gerstenhalme. In gegenseitigem Echo trällern die Singvögel ihren Morgengruss. Paradiesisch. Schöpferische Schönheit. Göttliche Herrlichkeit. Unverdorben. Im Morgendunst werden drei unverhüllte Gestalten sichtbar. Die Menschin und der Mensch mit Gott im Gespräch. Die Beiden sind ihm gleich, unterschiedlich als Mann und Frau geschaffen. Zum einen ist alles auf Beziehung angelegt, zum anderen haben die Beiden einen klaren Auftrag. Sie verwalten, was Gott geschaffen hat. Sind seine Geliebten, Stellvertreter, Berufenen, Eingesetzten und Angestellten. Was immer damit für Aufgaben verbunden waren.

In dieser Szene befinden wir uns. Gemäss den beiden Schöpfungsberichten in 1. Mose 1 und 2 «schuf Gott den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie» (1,27) und «bildete Gott, der HERR, den Menschen aus dem Staub vom Erdboden und hauchte Atem des Lebens in seine Nase; so wurde der Mensch eine lebende Seele» (2,7). Der Mensch sagt später von sich selbst:

«Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Atem des Allmächtigen belebt mich»

Hiob 33,4

Gott schaut sich selbst an und formt ein Wesen, so wie er ist –

«in seinem Bild … und es ward der Mensch zu einem Leben-Atmenden»

1. Mose 2,7; Hebräisch-Deutsche Bibel, Sinai-Verlag, Tel-Aviv

Das ist die Ausgangslage – einige tausend Jahre zurück.

Wir wechseln ins Jahr 2019. In diesem Sommer gestalte ich im paradiesischen Berner Oberland eine Stille Woche. An jedem Tag lese ich Römer 8. Neben anderen Erkenntnissen bleibe ich hier kleben:

«Schon vor aller Zeit hat Gott die Entscheidung getroffen, dass sie ihm gehören sollen. Darum hat er auch von Anfang an vorgesehen, dass ihr ganzes Wesen so umgestaltet wird, dass sie seinem Sohn gleich sind. Er ist das Bild, dem sie ähnlich werden sollen, denn er soll der Erstgeborene unter vielen Brüdern sein»

Römer 8,29, Neue Genfer Übersetzung

Wörtlich steht hier «dem Bilde seines Sohnes gleichgestaltet (oder gleichförmig) zu sein». Das ist unsere Berufung und Bestimmung als Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus: So sein, wie ER ist! Das ist in diesem Sommer keine neue Erkenntnis, aber etwas bewegt mich: «So sein, wie er ist» – das sind wir, seit Gott uns seinen Geist eingehaucht hat. Und weil jeder Mensch Gottes Geist (Lebensatem) in sich trägt, ist jeder Mensch Gott gleich. Aber weshalb haben wir denn diese Bestimmung und Berufung verloren und können sie nur in Jesus neu finden?

Wieder einige tausend Jahre zurück: Die Schlange flüstert dem Menschen ins Ohr: «Du wirst sein wie Gott, erkennend Gutes und Böses»! – Aber was ist das für ein Blödsinn?! Der Mensch ist schon wie Gott, als sein Bild (hebr: bezaläm) und nach seiner Gestalt (hebr: demut) geschaffen. Was soll er mehr sein? Er gehört wesensmässig zu Gott, ist Teil von Gott.

Was jetzt geschieht, ist echte Kommunikationskunst. Die teuflische Stimme flüstert dem Menschen ein: Das ist zu wenig! Das reicht nicht! Du kannst mehr sein, als du bist! Du kannst sein, wie Gott ist! – und der Mensch glaubt das! Alles beginnt mit Glauben!

Nochmals: Das ist ja grad von Anfang an Gottes Idee: Wir sollen so sein, wie ER ist, nach seinem Bild und Wesen geschaffen, ein Teil von IHM, seiner Gemeinschaft, seines Umfeldes.

Und jetzt sät uns Satan eine neue Berufung in unser Herz: Was du jetzt bist, ist zu wenig, genügt nicht! Du verpasst das eigentliche Leben! Du kannst mehr sein! Du kannst mehr haben! Rebelliere! Sei mehr! Werde wie Gott! – Und der Mensch hört zwei Dinge:

  1. So wie Gott mich geschaffen hat, bin ich nichts wert!
  2. Sei dein eigener Gott! Sei selbst Gott! Mach, was du willst! Nutze alles zu deinen Gunsten aus. Suche Anerkennung, Beachtung und Anbetung.

Es ist nochmals das Jahr Null. Der Mensch hat sich neu als Gott geschaffen. Alles beginnt von vorne mit einem Wesen, welches sich als Menschgott versteht und sich alles um diesen Menschgott dreht. Das erste, was geschieht ist, dass der eine Bruder den anderen aus Neid umbringt. Bis heute im Jahr 2020 ist das so geblieben. Es dreht sich alles um mich, weil ich nicht genüge, zu wenig bin und meine Bedürfnisse selbst stillen muss.

Nochmals: Gott hat uns so geschaffen, wie er selbst ist und «alles, was er gemacht hatte, war sehr gut» (1. Mose 1,31). Durch unsere Entscheidung, der Lüge zu glauben, dass das zu wenig ist, bleiben wir in einer grausamen Spirale gefangen. Weil ich höre «ich bin nichts wert!» muss ich dauernd dafür sorgen, dass dem nicht so ist – dass andere mich beachten und ich selbst glänze. In dem ich mich selbst darstelle, hoffe ich, möglichst viel Beachtung, Aufmerksamkeit und Anbetung zu finden, schliesslich bin ich Gott, oder?

Mit dieser Auseinandersetzung ringt Paulus im Römerbrief. Er schildert, wie unsere menschliche Natur gegen Gott rebelliert. Paulus benutzt dafür den Ausdruck «Fleisch» und beschreibt den Kampf des Fleisches gegen Gottes Geist, in welchem der Mensch in sich selbst gefangen bleibt.

Doch in allem Leiden von Römer Kapitel 1 bis 7 wird in Römer 8 klar: Schluss damit! Die Lösung ist, dass Jesus uns gleich wird, damit wir ihm gleich werden können:

«Deshalb hat Gott als Antwort auf die Sünde seinen eigenen Sohn gesandt. Dieser war der sündigen Menschheit insofern gleich, als er ein Mensch von Fleisch und Blut war, und indem Gott an ihm das Urteil über die Sünde vollzog, vollzog er es an der menschlichen Natur» Römer 8,3

In Phil 3,10 benutzt Paulus den gleichen Begriff wie in Röm 8,29: «wir werden seinem Tod gleichgestaltet» und in Gal 2,19-20 wird klar, wie intensiv und herausfordernd dieses «gleich wie Jesus» ist. Das ist wirklich ein Herzenswort des Paulus:

«Ich bin mit Christus gekreuzigt. Nicht mehr ich bin es, der lebt, nein, Christus lebt in mir. Und solange ich noch dieses irdische Leben habe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mir seine Liebe erwiesen und sich selbst für mich hingegeben hat.»

So sein wie Gott ist, ist also unsere tiefste Bestimmung. Zu Beginn war uns diese Berufung geschenkt. Dadurch, dass wir uns von Gott lösten, haben wir sie verloren, sind wir bis heute verloren in uns selbst. Dadurch, dass dieser selbst berufene Menschgott mit Jesus am Kreuz stirbt, aufersteht ein Mensch, der wieder gleich ist wie Gott, aber Mensch bleiben darf – davon schreibt Paulus weiter in Römer 8. Der Heilige Geist vertritt uns vor Gott und übersetzt unsere «schwachen Gebete in unaussprechliche Seufzer» (8,26). Wir dürfen endlich Menschen sein, wie Gott es sich gedacht hat – auf dem Weg, im gleich zu werden.

Ich sehe den Apostel Johannes vor mir, wie er von der Wiederkunft von Jesus träumt:

«Wir wissen noch nicht, wie es sein wird… wir wissen aber, dass wir, wenn es offenbar werden wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist!»

1Joh 3,1-3

Das ist Gottes Bestimmung für mein Leben! Sie war es von Anfang an. Sie es heute noch! Gott kommt mit mir zu seinem Ziel! Trotz und mit meinen Umwegen!

Beat Ungricht

Beat Ungricht

Regionalleiter Zürich

Beat ist mit Bea verheiratet, die beiden haben drei Kinder und leben in Elsau, Winterthur. In der Region Zürich begleitet er 22 Gemeinden und brennt dafür, dass Jesus durch uns und unsere Gemeinde erlebbar wird. Er liebt es, zu vernetzen, beraten, nah und weit zu denken und mutig zu agieren.