Wir sind Credo-Christen

Wir sind Credo-Christen

Wir sind Credo-Christen

© Goran Zivanovic, Pixabay

Ich glaube, jeder Christ sollte das Apostolische Glaubensbekenntnis lieben und hochachten. Seine Zeit ist noch nicht abgelaufen! Auch in einer Zeit, in der immer mehr Lebensbereiche, Werte und Normen als veränderlich, unsicher, komplex und ambig (V.U.K.A.) erlebt werden, gibt es Dinge, die bleiben. Ich meine, eines davon ist eben dieses.

Dies aus 5 Gründen:

1. Das Christentum war von Anfang an eine Bekenntnis-Bewegung

Schon in den neutestamentlichen Texten ist von „bekennen“ die Rede. Laut Matthäus 10,32 erklärt Jesus: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Paulus erklärt in Römer 10,9-10: „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ In 2. Korinther 9,13 ist vom „Bekenntnis zum Evangelium Christi“ die Rede und in Philipper 2,11 davon, dass alle „bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist“.

Irenäus beschreibt in seinem Werk Gegen die Häresien (Irrlehren) bereits zirka 180 n.Chr., was ein „rechtgläubiger“ Christ grundsätzlich glaubt. Diese „Richtschnur des Glaubens“ umfasst so gut wie alle Inhalte des späteren Apostolischen Glaubensbekenntnisses:

 

„Richtschnur des Glaubens“ gemäss Irenäus Apostolisches Glaubensbekenntnis
Den Glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde und der Meere und alles was in ihnen ist, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
und an den einen Christus Jesus, Und an Jesus Christus,
den Sohn Gottes, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
der, um uns zu erlösen, Fleisch angenommen hat, empfangen durch den Heiligen Geist,
und an den heiligen Geist, der durch die Propheten die Heilsordnung Gottes verkündet hat, die zweifache Ankunft des Herrn, (unten genannt)
seine Geburt aus der Jungfrau, geboren von der Jungfrau Maria,
sein Leiden (unter Pontius Pilatus), gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
seine Auferstehung von den Toten am dritten Tage auferstanden von den Toten,
und die leibliche Himmelfahrt aufgefahren in den Himmel.
unseres lieben Herrn Christus Jesus Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
und seine Wiederkunft vom Himmel in der Herrlichkeit des Vaters, von dort wird er kommen,
um „alles wiederherzustellen“ [Eph 1,10] und alles Fleisch der ganzen Menschheit wiederzuerwecken, damit vor Jesus Christus, unserm Herrn und Gott, unserm Heiland und König, nach dem Wohlgefallen des unsichtbaren Vaters, „jedes Knie sich beuge derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, und jegliche Zunge ihn preise“ [Phil 2,10-11]. Dann wird er ein gerechtes Gericht über alle halten. Die Geister der Bosheit und die ungehorsamen Engel, die von Gott abfielen, und die Gottlosen und Ungerechten und Frevler und Gotteslästerer wird er in das ewige Feuer schicken. Den Gerechten aber und Frommen und denen, die seine Gebote beobachtet haben, und die in seiner Liebe verharrt sind teils von Anfang, teils seit ihrer Bekehrung, denen wird er das ewige Leben in Gnaden schenken und mit ewiger Herrlichkeit sie umkleiden. zu richten die Lebenden und die Toten.
(oben genannt) Ich glaube an den Heiligen Geist,
(einziger nicht-genannter Aspekt) die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
(oben genannt) Vergebung der Sünden,
(oben genannt) Auferstehung der Toten
(oben genannt) und das ewige Leben. Amen

 

Das Apostolische Glaubensbekenntnis geht inhaltlich auf die „Richtschnur des Glaubens“ zurück, wie sie spätestens seit 200 n.Chr. formuliert war. Das Apostolische Glaubensbekenntnis ist eine Variante dieser „Richtschnur des Glaubens“.

2. Das Glaubensbekenntnis und der neutestamentliche Kanon kommen aus derselben Hand

Die neutestamentlichen Schriften und das Apostolische Glaubensbekenntnis (als Variante der „Richtschnur des Glaubens“) wurden in derselben Zeit festgelegt. Wir empfangen beides aus derselben Hand der Alten Kirche. Im Grundsatz ist auch der neutestamentliche Kanon ein Bekenntnis und eine „Richtschnur des Glaubens“. „Kanon“ bedeutet auf Griechisch „Regel“ oder „Richtschnur“.

3. Das Glaubensbekenntnis und der neutestamentliche Kanon bestätigen einander

Irenäus sieht in den neutestamentlichen Schriften und in der „Richtschnur des Glaubens“ zwei Zeugen, die sich gegenseitig bestätigen und gegen beide sich die Irrlehrer seiner Zeit stellen. Das Glaubensbekenntnis und das Neue Testament bestätigen sich gegenseitig. Noch heute gilt, dass eine liberale Haltung bezüglich Bibel und Apostolischen Glaubensbekenntnis in der Regel einhergehen. Eine liberale Theologie ist schlussendlich eine Theologie, die sich dem Apostolischen Glaubensbekenntnis nicht verpflichtet sieht.

Nach dem Motto, „Wie kann ich verstehen, was ich lese, wenn mich nicht jemand anleitet?“ (vgl. Apg 8,30-31), will das Apostolische Glaubensbekenntnis uns in unserem Verständnis der biblischen Schriften leiten. So schreibt auch das Evangelische Gemeinschaftswerk der Schweiz (EGW) in seinen Statuten: „Wegweisend für die Auslegung der Heiligen Schrift sind das Apostolische Glaubensbekenntnis und die Bekenntnisse der Reformation in ihren Grundaussagen.“

4. Das Glaubensbekenntnis führte zur Entstehung zahlreicher Freikirchen

In den 1870er-Jahren wurde im Zuge des sogenannten „Apostolikumsstreits“ in den schweizerischen evangelischen Landeskirchen die Verpflichtung auf das Apostolische Glaubensbekenntnis aufgehoben. Dies führte dazu, dass bekenntnistreue Pfarrer und Gläubige sich von den Landeskirchen distanzierten und neue Gemeinschaften gründeten: unter anderem Chrischona Gemeinden. Die ersten selbstständigen Chrischona Gemeinden und andere Freikirchen entstanden in Abgrenzung zu einer Theologie, die sich vom Apostolischen Glaubensbekenntnis loslöste.

Angesichts dieser Entstehungsgeschichte würde es vielen Freikirchen gut anstehen, das Apostolische Glaubensbekenntnis neu zu entdecken und in ihre Gottesdienste zu integrieren.

5. Das Glaubensbekenntnis ist ein zeitloser „Klassiker“

Bei Autos fährt man einen Klassiker im Bewusstsein: Neuere Vehikel sind vielleicht bequemer, schneller, sparsamer und hipper, aber wenn jene einmal zu Kühlschränken und Waschmaschinen recycelt sein werden, wird diese Kostbarkeit weiterhin Freude und Inspiration vermitteln. In meinem Glauben halte ich mich an Christus, das bewährte Evangelium, die biblischen Schriften und die alten Bekenntnisse: den Klassiker. Neuere sogenannt „christliche Strömungen“ sind vielleicht bequemer, schneller, sparsamer und hipper, aber wenn jene einmal bereits verschwunden sein werden, wird diese Kostbarkeit weiterhin Freude und Inspiration vermitteln.

Ich halte mich lieber an eine über 1800jährige Tradition und stehe lieber auf dem Boden der alten Kirche, als dass ich meine, ausgerechnet wir seien die Generation, die zu Recht feststellt, dass die alten Wahrheiten nicht mehr wahr sein sollen. Wir würden damit gegen zweitausend Jahre Kirchengeschichte inklusive Reformation wetten. Mathematisch gesehen wären unsere Chancen, richtig zu liegen, sehr klein.

Im Blick auf das Apostolische Glaubensbekenntnis erkläre ich mit einem alten Spiritual:

Give me that old time religion. It’s good enough for me.
It was good for Paul and Silas and it’s good
enough for me.
It was
tried in the fiery furnace and it’s good enough for me.
Makes me love everybody and it’s good
enough for me.
Give me that old time religion. It’s good
enough for me.

Frei übersetzt:

Gib mir den traditionellen Glauben, er ist für mich voll in Ordnung.
Er war gut für Paulus und Silas und ist auch für mich voll in Ordnung.
Er wurde im feurigen Ofen geprüft und ist auch für mich voll in Ordnung.
Er gibt mir Liebe für alle Menschen und ist auch für mich voll in Ordnung.
Gib mir den traditionellen Glauben, er ist für mich voll in Ordnung.

Diesen Blog-Artikel gibt es in ausführlicherer Form auf danieloption.ch

 

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

Wir sind dynamisch

Wir sind dynamisch

Wir sind dynamisch

© denamorado

Kürzlich sprach ich an einer Konferenz (Forum Kommunikative Theologie) über die „fromme Szene“, zu der wir als Chrischona Schweiz gehören. Ich gebrauchte dafür augenzwinkernd die Wortschöpfung „pietistisch-evangelikal-charismatische Christenheit„. Die meisten Zuhörenden reagierten mit leichtem Schmunzeln und wussten in etwa, was ich damit meinte. Trotzdem ist diese Bezeichnung natürlich kein zukunftsfähiges Label.

Gläubige Christen der verschiedenen Traditionen und Prägungen sind dadurch miteinander verbunden, dass sie zum Beispiel an die Inhalte des Apostolischen Glaubensbekenntnisses glauben. Die verschiedenen Traditionen sind dabei nicht als Schubladisierungen und Abgrenzungen zu verstehen – auch wenn sie zum Teil als solche missbraucht werden – sondern als Reichtum der gesamten Christenheit. Es macht durchaus Sinn, diese verschiedenen Traditionen und Prägungen benennen zu können, ihnen Labels zu geben, damit man weiss, wo das Gegenüber seine kirchlichen und theologischen Wurzeln hat. Dies im Bewusstsein: Zuerst sind wir mal Christen, dann lange nichts mehr und danach evangelische Christen, lutherische Christen, orthodoxe Christen, anglikanische Christen und so weiter. Die Frage lautet: Wie bezeichnen wir unseren ungefähren Mix an „pietistisch-evangelikal-charismatischer“ Tradition und Prägung? Welcher Begriff wäre für unsere Bewegung charakteristisch?

Ich glaube, wir sind dynamische Christen, oder wollen und sollten es sein!

Dynamisch im Sinn von EVANGELIUMSGELADEN

„Wir schämen uns des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft (Dynamis) Gottes, die jeden rettet, der glaubt.“ (nach Röm 1,16; 15,18-19)

Wir glauben an das ganze und volle Evangelium, wie es in der Bibel steht. Wir glauben an die Lebensverändernde Kraft dieser Botschaft und wollen sie immer tiefer verstehen und immer wieder neu entdecken.

Hier geht es darum, was wir glauben: What we BELIEVE.

Dynamisch im Sinn von GEISTERFÜLLT

„Wir wollen die Kraft (Dynamis) des Heiligen Geistes empfangen.“ (nach Apg 1,8; Eph 5,18)

Wir wollen eine lebendige Spiritualität leben und das Wirken von Gottes Geist an uns und in uns immer wieder suchen.

Hier geht es um unseren Charakter: What we BECOME.

Dynamisch im Sinn von BEFLÜGELT

„Durch unsere Worte und Taten wollen wir in der Kraft (Dynamis) des Geistes das volle Evangelium weitergeben.“ (nach Röm 15,18-19; Apg 1,8; 2Kor 5,20)

Wir wollen durch unser Leben und Reden unsere Mitmenschen einladen, durch den Glauben an Jesus ein sinnerfülltes und bedeutungsvolles Leben zu finden. Dies soll kreativ, beweglich, inspiriert, begeistert, beflügelt oder eben dynamisch geschehen.

Hier geht es um unseren Lebensstil: How we BEHAVE.

Diese drei Aspekte „Bekenntnis zum Evangelium“, „lebendige Spiritualität“ und „authentische Sucherorientierung“ waren übrigens von Anfang an entscheidende Merkmale echter Chrischona Gemeinden und sind es heute noch.

Dynamisch – unser neues Label?

Dynamische Christen sind solche, die sich dadurch speziell charakterisieren, dass sie sich dem vollen Evangelium verpflichtet fühlen, dass sie aus der Kraft des Geistes leben wollen und dass sie durch ihre Worte und Taten Menschen zu einem Leben mit Jesus einladen.

Würden wir uns anstatt als „pietistisch-evangelikal-charismatisch“ als „dynamische“ Christen bezeichnen, würden wir damit anderen Christen die Dynamis übrigens nicht absprechen! Evangelische Christen sprechen ja Katholiken und Anglikanern auch nicht ab, dass sie das Evangelium wichtig finden.

„Dynamisch“ – vielleicht noch zu früh für unsere neue Selbstbezeichnung. Ich hätte eine noch bessere Idee: Wie wäre es, wenn wir unser Christsein so dynamisch lebten, dass andere uns dieses Label geben würden?

Soweit einige unfertige Gedanken von mir. Was denkst Du dazu? Schreibe es mir!

 

 

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

Auf ins V.U.K.A.-Erlebnis!

Auf ins V.U.K.A.-Erlebnis!

Auf ins V.U.K.A.-Erlebnis!

© anatoliy_gleb – de.freepik.com

Für viele Leute sind Traum-Skipisten frisch planiert, bequem zu fahren, ohne jegliche unwillkommene Überraschung. Pisten, wo man noch die Rillen des Pistenfahrzeuges sieht. Andere Leute träumen von Skipisten, auf denen einige Zentimeter unberührten Neuschnees liegen, man wie auf Watte fährt und sich fühlt, als würde man schweben. Und dann gibt es Skipisten, die sind V.U.K.A.

V: veränderlich (volatility)

Eisflächen, leichter und nasser Schnee wechseln sich ebenso ab wie ebene Bereiche und veritable Buckel.

U: unsicher (uncertainty)

Man weiss nicht genau, was einem wo erwartet. Scheinbar schöner Schnee entpuppt sich als Eisfläche, die mit minimal wenig Schnee bedeckt ist, der sofort wegrutscht, wenn man mit dem Ski Kante gibt.

K: komplex (compexity)

Die Reaktion des Schnees unter den Skiern kann nicht genau vorhergesagt werden. Nur weil der Schnee in der einen Kurve gut hält, muss das noch lange nicht bedeuten, dass er es in der nächsten Kurve noch tut und nicht doch wegrutscht, auch wenn er eigentlich gleich aussieht.

A: ambig (ambiguity)

Ambiguität steht für Mehrdeutigkeit und Widersprüchlichkeit. Selbst wenn man sich auf der Skipiste die Zeit nehmen und über jeden Schwung nachdenken könnte, gäbe es verschiedene mögliche Überzeugungen, welche Route die beste ist.

 

 

Solche Skipisten findet man oft an sonnigen Frühlingsnachmittagen, nachdem Sonne und Massen von Skifahrern ihnen schon stark zugesetzt haben. Viele Leute fühlen sich von V.U.K.A.-Skipisten überfordert und meiden sie wenn möglich. Aber wenn man sich darauf einlässt, die nötigen Grundsätze beherrscht und genügend fit ist, können solche Pisten sehr positiv sein.

Nicht nur Skipisten können V.U.K.A. sein. In verschiedenerlei Hinsicht wird die gesamte westliche Welt und das Lebensgefühl darin (auch unabhängig von Corona) immer mehr V.U.K.A.: Dauernde Veränderungen (V) werden zur einzigen Konstanten. Unsicherheit (U) macht sich breit und man weiss je länger je weniger, was einem in einem Monat, Jahr oder Jahrzehnt erwartet. Die Komplexität (K) des Lebens steigt und der Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung wird immer schwieriger zu erkennen. Informationen und Sachverhalte scheinen mehrdeutig oder gar widersprüchlich, sprich ambig (A).

Eine V.U.K.A.-Skipiste souverän hinunterzufahren oder sich in einer V.U.K.A.-Welt zu bewegen braucht ähnliche Kompetenzen, die sich ebenfalls mit „V.U.K.A.“ zusammenfassen lassen, allerding in einem anderen Sinn:

V: Vision

Wer sich souverän bewegen will, braucht eine möglichst klare Vision davon, nach welchen Werten und Zielen er leben will. Auf der Skipiste wähle ich zum Beispiel in der Regel: Kurzschwünge im Zwei-Sekunden-Rhythmus.

U: Understanding (Verständnis)

Man braucht ein Verständnis von der Umwelt, die man als gegeben akzeptiert und nicht nostalgisch der Vergangenheit nachtrauert. Auf der V.U.K.A.-Skipiste auf das Pistenfahrzeug mit seiner Planierraupe zu warten, ist keine Option. Die V.U.K.A.-Welt scheint wie eine ausgefahrene Skipiste vielleicht weniger bequem als die gehabte, aber wenigstens durch die Begriffe „veränderlich, unsicher, komplex, ambig“ einigermassen verstehbar.

K: Klarheit

Auf einer ausgefahrenen Skipiste braucht es wie in einer V.U.K.A.-Welt eine gewisse Fokussierung und ein gewisses Selbstvertrauen mit leichtem Hang zur Sturheit. Ich halte meine Linie.

A: Anpassungsfähigkeit und Agilität

Bei aller nötigen Klarheit und gewissen Sturheit braucht es auf ausgefahrenen Skipisten und in unserer heutigen Welt die Fähigkeit, spontan und entspannt auf Unvorhergesehenes zu reagieren. Klarheit, Fokussierung uns Selbstvertrauen müssen gepaart sein mit entspannter Anpassungs- und Adaptionsfähigkeit.

 

 

Sicher scheint mir: Die V.U.K.A.-Welt ist Realität und diese wird nicht mehr so schnell verschwinden. Für wohl 80 Prozent der Menschen dieses Planeten ist die V.U.K.A.-Welt schon längst Realität und diese Menschen haben wohl auch überhaupt kein Erbarmen mit uns. Und das brauchen auch wir nicht mit uns selbst zu haben, denn das Positive ist: Wenn so viele Menschen schon längt in einer V.U.K.A.-Welt leben, dann können auch wir es lernen! Vielleicht wirst du nie lernen, eine V.U.K.A.-Skipiste zu geniessen, aber du kannst lernen, eine V.U.K.A.-Welt zu lieben! Wenn du dich darauf einlässt, die nötigen Grundsätze beherzigst und geistlich genügend „fit“ bist, kann das Leben in der V.U.K.A.-Welt sehr positiv sein!

Wir können lernen, in einer V.U.K.A.-Welt dort, wo wir sind, Leitungsverantwortung wahrzunehmen.

Wir können lernen, in einer V.U.K.A.-Welt Kirche zu sein und zu bauen

Die V.U.K.A.-Welt bietet sogar ausgeprägte Chancen für beides. Schreibe mir doch, welche Chancen du siehst! Was sind die positiven Tugenden, mit denen wir auf „veränderlich, unsicher, komplex und ambig“ antworten können? Welche Herzenshaltungen, Denkweisen und Strategien könnten uns helfen?

 

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

Auch ein Gottesdienst-Verbot wäre eine Chance

Auch ein Gottesdienst-Verbot wäre eine Chance

Auch ein Gottesdienst-Verbot wäre eine Chance

 © iStock.com/cordeschi, Bearbeitung: Josias Burgherr

Werden wir in den kommenden Wochen und Monaten unsere Gottesdienste weiterhin im gewohnten Stil durchführen können? – Dass wir uns heute, in Zeiten des Corona-Virus Covid-19, mit solchen Fragen auseinandersetzen, hätten wir noch vor wenigen Wochen kaum für möglich gehalten. Aber jetzt unterliegen unsere Gottesdienste ab einer gewissen Teilnehmerzahl staatlicher Bewilligungspflicht. Und wir sind aufgefordert, besonders gefährdeten Personen abzuraten, an unseren Gottesdiensten teilzunehmen. Wie können wir Gemeinde leben, wenn sich die Gemeinde (oder ein namhafter Teil davon) nicht mehr im gemeinsamen Gottesdienst treffen kann?

Wenn wir uns nicht mehr im Grossen treffen können, tun wir das, was die Gemeinde die letzten 2000 Jahre bis heute immer wieder tat: Wir treffen uns in Kleingruppen. Wenn sich die Gemeinde nicht im „Kirchenhaus“ treffen kann, trifft sie sich in „Hauskirchen“. Wenn sich die Gemeinde nicht zentral zu Gottesdiensten treffen kann, trifft sie sich dezentral zu Gottesdiensten. Dies kann je nach Situation die ganze Gemeinde betreffen oder besonders gefährdete Teile der Gemeinde.

Das ist nicht einfach eine Notlösung, sondern kann viel Positives bewirken!

  • Kleingruppenleiter/innen und andere Gemeindeglieder werden in der Wahrnehmung ihrer geistlichen Bevollmächtigung gefördert.
  • Einer gewissen Tendenz, als Nachfolger/innen Jesu die geistliche Selbstverantwortung an die Gemeinde und den Pastor zu delegieren, wird entgegengewirkt.
  • Beziehungen in Kleingruppen werden vertieft. Neue Kleingruppen werden gebildet und sofort intensiv gelebt. Die Tragfähigkeit des Kleingruppennetzes wird konkret erlebt und gestärkt.
  • Die Gemeinde wächst als Ganze in ihrer Mündigkeit, Bevollmächtigung und Agilität. Im Rahmen der Kleingruppen werden Begabungen entdeckt und gefördert.

Gottesdienste im kleinen Rahmen mit 2 bis 12 Personen können inspirierend sein:

  • Zeit der Anbetung mit Liedern und gesprochenen Gebeten:
    Liedtexte können über einen Fernseher oder Beamer projiziert oder auf Liedblätter gedruckt werden. Präsentationen und Liedblätter können von der Gemeinde zur Verfügung gestellt werden.
    Dies kann ganz ohne musikalische Begleitung geschehen oder mit Begleitung durch eine Gitarre, ein Klavier, CDs, Streaming, youtube-Videos oder Livestream beziehungsweise Aufnahmen der Gemeinde.
    Es könnte auch eine gute Erfahrung sein, Liturgieblätter mit Liedtexten und im Wechsel gelesenen Bibeltexten und Gebeten anzubieten.
  • Die Predigt kann in Bild und Ton aufgenommen und via Internet zur Verfügung gestellt oder per Livestream empfangen werden. Danach kann man sich als Gruppe darüber austauschen.
    Alternativ dazu kann man gemeinsam einen Bibeltext oder einen Abschnitt aus einem geistlich-theologischen Buch lesen und darüber austauschen.
  • Als Gruppe kann man füreinander beten, Eindrücke austauschen und sich gegenseitig segnen oder auch salben.
  • Vor oder nach solch „gottesdienstlichen Elementen“ kann man gemeinsam etwas Einfaches essen und so die Gemeinschaft pflegen.

All dies kann auch unter Einbezug von Kindern geschehen, wie ich dies selbst schon öfters erlebt habe. Zu all dem können Pastoren und Pastorinnen die KleingruppenleiterInnen entsprechend schulen, bevollmächtigen und ermutigen. Dadurch werden Pastoren und Pastorinnen noch ausgeprägter zu Multiplikatoren und Multiplikatorinnen, was sie ja sowieso sein sollen.

Dass wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin ein Fan von inspirierend gestalteten Gottesdiensten als Gesamtgemeinde! Ich glaube, dass sie eine Ausstrahlung in unsere Gesellschaft haben können und dass geistliche Erfahrungen oft gemeinschaftliche Erlebnisse sind. Aber falls wir solche Gottesdienste für eine gewisse Zeit nicht erleben dürfen, können wir in dieser Situation Dinge fördern, die uns später, wenn wir uns wieder mit Freude gemeinsam treffen, immer noch gut anstehen werden.

Es gibt also keinen Grund, in Angst vor einer möglichen Auf-Eis-Legung unserer gemeinsamen Gottesdienste zu erstarren. Nein, falls es soweit kommt, liegt es an uns, trotz realen Herausforderungen die Chancen zu sehen und zu nutzen. So werden wir gestärkt aus dieser Situation hervorgehen – als Einzelpersonen, als Kleingruppen und als Gemeinden.

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

Nur so hat Kirche Bedeutung

Nur so hat Kirche Bedeutung

Nur so hat Kirche Bedeutung

Sorasak Butdee © 123RF.com

„Kirche ist nur dann Kirche, wenn sie für andere da ist.“

Diese bekannte Aussage von Dietrich Bonhoeffer bedeutet mindestens zwei Dinge:

  1. Kirche ist Teil der Gesellschaft und hat einen Auftrag an der Gesellschaft. Sie ist FÜR andere da.
  2. Kirche unterscheidet sich von der Gesellschaft. Sie ist für ANDERE da.

In der Geschichte der Kirche wurde immer wieder einer dieser zwei Aspekte auf Kosten des anderen überbetont. Es handelt sich dabei aber eigentlich um Polaritäten, die aufeinander bezogen sind. Wir brauchen immer beide Seiten dieser Polaritäten, denn darin liegt wie bei einer Batterie mit ihren zwei Polen die Energie. Mit nur einem Pol wird man wirkungslos, sowohl als Batterie als auch als Kirche.

Weitere Aussagen, die diese Polaritäten beschreiben, lauten:

 

Pol 1 Pol 2
Kirche ist in die Welt gesandt. (Joh 20,21; 17,11; Mat 28,18-20) „Kirche“ bedeutet „die Herausgerufene“. (Mt 11,28-30; Joh 17,14)
Kirche bedarf der ständigen Erneuerung. Kirche steht auf dem Fundament der Bibel und von Christus. (Eph 2,20)
Kirche ist Teil der Gesellschaft und muss sich auf ihr kulturelles Umfeld einlassen. Kirche soll mit ihren Werten und Überzeugungen die Gesellschaft prägen.
Kirche dient sozial-diakonisch. Kirche verkündigt ihre Botschaft, das Evangelium.
Kirche geht auf die gegenwärtigen Probleme ein. Kirche öffnet einen Horizont, der über dieses Leben hinausgeht.
Kirche ist mit ihrem Handeln am Puls der Zeit. Kirche ist mit ihrem Ohr am Herzschlag Gottes.
Kirche trägt ihrem Umfeld in Form, Handeln und Sprache Rechnung. (1Kor 9,19-25) Kirche hat den Mut, auch unpopulär zu sein. (Joh 15,18-20)
Kirche setzt sich mit aktuellen Fragestellungen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander. Kirche orientiert sich an der Bibel und ihren ethischen Aussagen.
Kirche wird vom Geist Gottes geprägt, dem Geist der Liebe. Kirche wird vom Geist Gottes geprägt, dem Geist der Wahrheit.
Kirche vertritt die Botschaft, dass wir geliebt und angenommen sind, wie wir sind. Kirche vertritt die Botschaft, dass wir in die uns zugedachte Würde hineinwachsen sollen.
Kirche muss Glaubensaussagen immer wieder neu formulieren. Kirche muss akzeptieren, dass Glaubensaussagen in der Gesellschaft nicht immer mehrheitsfähig sind.
Kirche ist „Salz der Erde“. Salz wirkt aus der Nähe. Kirche wendet sich der Welt selbstlos zu. (Mt 5,13) Kirche ist „Licht der Welt“. Licht wirkt aus einer gewissen Distanz und zeigt die Dinge, wie sie sind. Kirche bekennt sich zum Weg, zur Wahrheit und zum Leben, wie sie dies erkannt hat. (Mt 5,14-16; Joh 14,6)

 

Wie gesagt: Wir brauchen immer beide Seiten dieser Polaritäten. Die ersten Aussagen kommen ohne die zweiten ebenso schief wie die zweiten Aussagen ohne die ersten. Die Energie liegt immer in beiden, nie nur in einer Aussage.

Soweit ich die gegenwärtigen Entwicklungen wahrnehme, sind heute vor allem die ersten Aussagen im Trend. Dass beispielsweise ungeborenes, altes und krankes Leben, Sexualität sowie die Ehe und Familie eine schützenswerte Würde besitzen, scheint altbacken zu sein. Vergisst die Kirche jedoch die zweiten Aussagen, wird es ihr auf Dauer auch nicht möglich sein, die ersten zu leben. Eine Kirche, die Ihre Botschaft, Überzeugungen und Werte zu stark der Gesellschaft anpasst, verliert ihr Profil, ihre Fähigkeit zu prägen, ihr Unterscheidungsmerkmal und schlussendlich ihre Relevanz und Bedeutung für die Gesellschaft. Sucht die Kirche ihre Gesellschaftsrelevanz am falschen Ort, verliert sie ihre Bedeutung leider ganz.

Auf den Einwand, dass sich vor allem freikirchliche Gemeinden zu lange auf die zweiten Aussagen konzentriert hätten, antworte ich: Ob man links oder rechts vom Pferd fällt, spielt im Endeffekt keine grosse Rolle. Das Ziel ist, auf dem Pferd zu sitzen. Wer sich bei den zweiten Aussagen zuhause fühlt, wird sich auf die ersten konzentrieren müssen. Wer vor allem die ersten Aussagen schätzt, wird die zweiten speziell beachten müssen. Reiten kann man nur auf dem Pferd und Energie gibt es nur mit beiden Polen der Batterie.

Die Kirche muss sich gleichzeitig von der Gesellschaft unterscheiden und sich auf sie einlassen. Nur so hat Kirche Bedeutung.

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.