Wir sind Credo-Christen

von | 16. Mrz 2021 | Theologie | 4 Kommentare

© Goran Zivanovic, Pixabay

Ich glaube, jeder Christ sollte das Apostolische Glaubensbekenntnis lieben und hochachten. Seine Zeit ist noch nicht abgelaufen! Auch in einer Zeit, in der immer mehr Lebensbereiche, Werte und Normen als veränderlich, unsicher, komplex und ambig (V.U.K.A.) erlebt werden, gibt es Dinge, die bleiben. Ich meine, eines davon ist eben dieses.

Dies aus 5 Gründen:

1. Das Christentum war von Anfang an eine Bekenntnis-Bewegung

Schon in den neutestamentlichen Texten ist von „bekennen“ die Rede. Laut Matthäus 10,32 erklärt Jesus: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Paulus erklärt in Römer 10,9-10: „Wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist, und in deinem Herzen glaubst, dass ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und wenn man mit dem Munde bekennt, so wird man gerettet.“ In 2. Korinther 9,13 ist vom „Bekenntnis zum Evangelium Christi“ die Rede und in Philipper 2,11 davon, dass alle „bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist“.

Irenäus beschreibt in seinem Werk Gegen die Häresien (Irrlehren) bereits zirka 180 n.Chr., was ein „rechtgläubiger“ Christ grundsätzlich glaubt. Diese „Richtschnur des Glaubens“ umfasst so gut wie alle Inhalte des späteren Apostolischen Glaubensbekenntnisses:

 

„Richtschnur des Glaubens“ gemäss Irenäus Apostolisches Glaubensbekenntnis
Den Glauben an den einen Gott, den allmächtigen Vater, Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde und der Meere und alles was in ihnen ist, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
und an den einen Christus Jesus, Und an Jesus Christus,
den Sohn Gottes, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
der, um uns zu erlösen, Fleisch angenommen hat, empfangen durch den Heiligen Geist,
und an den heiligen Geist, der durch die Propheten die Heilsordnung Gottes verkündet hat, die zweifache Ankunft des Herrn, (unten genannt)
seine Geburt aus der Jungfrau, geboren von der Jungfrau Maria,
sein Leiden (unter Pontius Pilatus), gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
seine Auferstehung von den Toten am dritten Tage auferstanden von den Toten,
und die leibliche Himmelfahrt aufgefahren in den Himmel.
unseres lieben Herrn Christus Jesus Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
und seine Wiederkunft vom Himmel in der Herrlichkeit des Vaters, von dort wird er kommen,
um „alles wiederherzustellen“ [Eph 1,10] und alles Fleisch der ganzen Menschheit wiederzuerwecken, damit vor Jesus Christus, unserm Herrn und Gott, unserm Heiland und König, nach dem Wohlgefallen des unsichtbaren Vaters, „jedes Knie sich beuge derer, die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, und jegliche Zunge ihn preise“ [Phil 2,10-11]. Dann wird er ein gerechtes Gericht über alle halten. Die Geister der Bosheit und die ungehorsamen Engel, die von Gott abfielen, und die Gottlosen und Ungerechten und Frevler und Gotteslästerer wird er in das ewige Feuer schicken. Den Gerechten aber und Frommen und denen, die seine Gebote beobachtet haben, und die in seiner Liebe verharrt sind teils von Anfang, teils seit ihrer Bekehrung, denen wird er das ewige Leben in Gnaden schenken und mit ewiger Herrlichkeit sie umkleiden. zu richten die Lebenden und die Toten.
(oben genannt) Ich glaube an den Heiligen Geist,
(einziger nicht-genannter Aspekt) die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
(oben genannt) Vergebung der Sünden,
(oben genannt) Auferstehung der Toten
(oben genannt) und das ewige Leben. Amen

 

Das Apostolische Glaubensbekenntnis geht inhaltlich auf die „Richtschnur des Glaubens“ zurück, wie sie spätestens seit 200 n.Chr. formuliert war. Das Apostolische Glaubensbekenntnis ist eine Variante dieser „Richtschnur des Glaubens“.

2. Das Glaubensbekenntnis und der neutestamentliche Kanon kommen aus derselben Hand

Die neutestamentlichen Schriften und das Apostolische Glaubensbekenntnis (als Variante der „Richtschnur des Glaubens“) wurden in derselben Zeit festgelegt. Wir empfangen beides aus derselben Hand der Alten Kirche. Im Grundsatz ist auch der neutestamentliche Kanon ein Bekenntnis und eine „Richtschnur des Glaubens“. „Kanon“ bedeutet auf Griechisch „Regel“ oder „Richtschnur“.

3. Das Glaubensbekenntnis und der neutestamentliche Kanon bestätigen einander

Irenäus sieht in den neutestamentlichen Schriften und in der „Richtschnur des Glaubens“ zwei Zeugen, die sich gegenseitig bestätigen und gegen beide sich die Irrlehrer seiner Zeit stellen. Das Glaubensbekenntnis und das Neue Testament bestätigen sich gegenseitig. Noch heute gilt, dass eine liberale Haltung bezüglich Bibel und Apostolischen Glaubensbekenntnis in der Regel einhergehen. Eine liberale Theologie ist schlussendlich eine Theologie, die sich dem Apostolischen Glaubensbekenntnis nicht verpflichtet sieht.

Nach dem Motto, „Wie kann ich verstehen, was ich lese, wenn mich nicht jemand anleitet?“ (vgl. Apg 8,30-31), will das Apostolische Glaubensbekenntnis uns in unserem Verständnis der biblischen Schriften leiten. So schreibt auch das Evangelische Gemeinschaftswerk der Schweiz (EGW) in seinen Statuten: „Wegweisend für die Auslegung der Heiligen Schrift sind das Apostolische Glaubensbekenntnis und die Bekenntnisse der Reformation in ihren Grundaussagen.“

4. Das Glaubensbekenntnis führte zur Entstehung zahlreicher Freikirchen

In den 1870er-Jahren wurde im Zuge des sogenannten „Apostolikumsstreits“ in den schweizerischen evangelischen Landeskirchen die Verpflichtung auf das Apostolische Glaubensbekenntnis aufgehoben. Dies führte dazu, dass bekenntnistreue Pfarrer und Gläubige sich von den Landeskirchen distanzierten und neue Gemeinschaften gründeten: unter anderem Chrischona Gemeinden. Die ersten selbstständigen Chrischona Gemeinden und andere Freikirchen entstanden in Abgrenzung zu einer Theologie, die sich vom Apostolischen Glaubensbekenntnis loslöste.

Angesichts dieser Entstehungsgeschichte würde es vielen Freikirchen gut anstehen, das Apostolische Glaubensbekenntnis neu zu entdecken und in ihre Gottesdienste zu integrieren.

5. Das Glaubensbekenntnis ist ein zeitloser „Klassiker“

Bei Autos fährt man einen Klassiker im Bewusstsein: Neuere Vehikel sind vielleicht bequemer, schneller, sparsamer und hipper, aber wenn jene einmal zu Kühlschränken und Waschmaschinen recycelt sein werden, wird diese Kostbarkeit weiterhin Freude und Inspiration vermitteln. In meinem Glauben halte ich mich an Christus, das bewährte Evangelium, die biblischen Schriften und die alten Bekenntnisse: den Klassiker. Neuere sogenannt „christliche Strömungen“ sind vielleicht bequemer, schneller, sparsamer und hipper, aber wenn jene einmal bereits verschwunden sein werden, wird diese Kostbarkeit weiterhin Freude und Inspiration vermitteln.

Ich halte mich lieber an eine über 1800jährige Tradition und stehe lieber auf dem Boden der alten Kirche, als dass ich meine, ausgerechnet wir seien die Generation, die zu Recht feststellt, dass die alten Wahrheiten nicht mehr wahr sein sollen. Wir würden damit gegen zweitausend Jahre Kirchengeschichte inklusive Reformation wetten. Mathematisch gesehen wären unsere Chancen, richtig zu liegen, sehr klein.

Im Blick auf das Apostolische Glaubensbekenntnis erkläre ich mit einem alten Spiritual:

Give me that old time religion. It’s good enough for me.
It was good for Paul and Silas and it’s good
enough for me.
It was
tried in the fiery furnace and it’s good enough for me.
Makes me love everybody and it’s good
enough for me.
Give me that old time religion. It’s good
enough for me.

Frei übersetzt:

Gib mir den traditionellen Glauben, er ist für mich voll in Ordnung.
Er war gut für Paulus und Silas und ist auch für mich voll in Ordnung.
Er wurde im feurigen Ofen geprüft und ist auch für mich voll in Ordnung.
Er gibt mir Liebe für alle Menschen und ist auch für mich voll in Ordnung.
Gib mir den traditionellen Glauben, er ist für mich voll in Ordnung.

Diesen Blog-Artikel gibt es in ausführlicherer Form auf danieloption.ch

 

Christian Haslebacher

Christian Haslebacher

Regionalleiter Ostschweiz und Vorsitzender

Christian ist verheiratet mit Annette, hat drei Kinder und lebt im Thurgau. Er ist neben seinem Job als Regionalleiter auch Vorsitzender des Leitungsteam von Chrischona Schweiz. Er liebt gute Diskussionen.

4 Kommentare

  1. Lieber Christian, die Anzahl der Hinweise auf den Einfluss der Rechtswissenschaft im Arbeiten der Theologen der westlichen Christenheit, ist die Grundlage für meine Annahme, dass eine grosse Mehrheit an Theologen am Sühne-Tod des Gott-Menschen Jesus von Interesse war. Christian A. Schwarz weisst darauf hin, dass die Theologen in der westlichen Tradition des Christentums oft auch Juristen waren. Die Bibel-Gelerten der östlichen Tradition hingegen, waren der Kunst und der Rethorik zugewandt. Für sie war und ist die Kirche kein Gerichtssaal, sondern Krankenhaus. Gemäss Schwarz gibt es ein östliches und ein westliches Sündenverständnis. Dieser Autor plädirt dafür, beide Traditionen in Eine gemeinsame Schau zusammenzuführen. In dieser Hinsicht müsste das AGB ergänzt werden. Solange sich jedoch die beiden Traditionen getrennt voneinander entwickeln, bleibt uns der Zugang zur Esenz des Evangelium verwehrt: die Einheit in der Gemeinschaft! Damit unser Umgang miteinander freundlicher wird, benötigen wir das positivistische Menschenbild. Und vorallem brauchen wir neue Strukturen in unseren Kirchen. Strukturen, welche die soziale Inklussion fördern. Wir brauchen eine Kultur, in welcher begangene Fehler die Grundlage für die Entwicklung von Morgen, willkommen sind! Weil ich mich der östlichen Tradition, speziell dem jüdisch-christlichen Humanismus öffne, begegne ich auch dem irdischen Jesus von Nazareth darin. Hast Du Interesse, mehr über der Menschlichkeit des Evangeliums zu erfahren?

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    • Lieber Martin, danke für Deine Auseinandersetzung mit meinem Text. Mir ist der Ansatz von Christian A. Schwarz bekannt und ich bin auch überzeugt, dass die westliche Kirche von der östlichen viel zu lernen hat (und umgekehrt). Was das Apostolische Glaubensbekenntnis betrifft, ist zu sagen, dass dieses lange vor der Trennung der westlichen und östlichen Kirche („morgenländisches Schisma“, 1054 n.Chr.) entstand. Das in der Ostkirche stark verbreitete nicäisch-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis wird auch von der westlichen Kirche geteilt, nimmt die Aussagen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses auf und betont den Beziehungsaspekt nicht wirklich stärker als das Apostolicum. Ich würde die Unterschiede zwischen Ost und West also eher nicht am Glaubensbekenntnis festmachen wollen.

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  2. Lieber Christian, vielen Dank für deinen wertvollen Beitrag! Ich denke auch, dass wir gut daran tun, wenn wir das Apostolische Glaubensbekenntnis (AGB) wieder neu entdecken. Allerdings ist beim Umgang mit dem AGB auch Vorsicht geboten.
    Das AGB ist natürlich – wie soll es auch anders sein – sehr verkürzt. Es springt von der Geburt Jesu gleich zu seinem Tod. Das AGB vermittelt den Eindruck: Jesus ist auf diese Erde gekommen, um so schnell wie möglich unter Pontius Pilatus zu leiden und anschliessend am Kreuz zu sterben. Das AGB verliert kein einziges Wort über das LEBEN von Jesus, obwohl er 33 Jahre lang gelebt und drei davon öffentlich gewirkt hat. Die Frage, weshalb Jesus GELEBT hat, scheint das AGB nicht zu interessieren. D. h. der grösste(!) Teil des Inhalts der Evangelien kommt im AGB nicht vor! Man kann sagen: Matthäus Kap. 1-2 und 27-28 genügten als Grundlage, Kap. 3-26 wurden nicht berücksichtigt. Mir ist bewusst: Dafür war natürlich auch kein Platz. Das AGB wollte ja kein Leben-Jesu zeichnen.
    Deshalb: Dieser Reduktion auf Anfang und Ende von Jesu Leben müssen wir uns einfach bewusst sein, wenn wir uns neu auf das AGB einlassen. Folglich mein Plädoyer: Neuentdeckung des AGB ja, aber nur, wenn wir uns auch wieder ganz neu auf das Mittelstück der Evangelien einlassen, auf das, was zwischen Krippe und Kreuz geschah. Schliesslich hat Jesus dazwischen noch „kurz“ die Königsherrschaft Gottes aufrichtet und angetreten, was ja nicht unwesentlich ist. Darum: Nicht nur Neuentdeckung des AGB, sondern auch die Evangelien wieder grossflächig lesen!

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    • Lieber Beat, danke für die wertvolle Ergänzung! Immerhin wird Jesus als „Christus“ bezeichnet, was sein jüdischer Königstitel ist. Die angebrochene Königsherrschaft ist also zumindest angedeutet…

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