Was kommt nach dem Einhorn?

von | 20. Dez 2019 | Gesellschaft | 4 Kommentare

Credit: iStock.com/Mimadeo

Jedem sein Einhorn, am liebsten in weiss-pink und auf einer saftigen grünen Wiese. Und beides gehört mir, die Wiese und das Einhorn. Und falls ich das Einhorn nicht will, kann ich es einfach umtauschen. Kostenlos. Über die letzten Jahre und Jahrzehnte hinweg war die Suche nach Individualität das grosse Ideal unserer Gesellschaft. Die Idee dahinter: jedem stehen alle Türen offen, jeder ist etwas ganz Besonderes.

Auch in christlichen Kreisen haben wir das gepredigt: Jesus wäre auch am Kreuz gestorben, wenn du der einzige Mensch auf der Welt wärst. Oder: Gott hat einen ganz besonderen, einzigartigen und individuellen Plan für dich, perfekt auf dich zugeschnitten und in der gesamten Menschheitsgeschichte nicht wiederholbar. Alles mit einem Kern Wahrheit, aber halt auch etwas übertrieben und von der Sehnsucht nach Individualität mitgeprägt. Dass die meisten schönen Verse, die wir aus dem Alten und Neuen Testament zitieren, an ein ganzes Volk oder eine Gruppe gerichtet waren und nicht an eine einzelne Person, übersehen wir dabei gerne.

Ich will die Individualität nicht gänzlich schlecht reden. Jeder hat das Bedürfnis, gesehen und anerkannt zu werden. Das ist okay. Wir haben den Massstab, wie dieses Bedürfnis gestillt werden soll, aber sehr hoch gesetzt. Zu hoch. Ja, Gott hat etwas ganz Besonderes mit mir vor. Aber das kann sich auch im völlig unspektakulären Alltag zeigen. Dafür brauchst du kein Einhorn.

Nun neigt sich diese Individualitäts-Zeit langsam dem Ende zu. Die Menschen – insbesondere die Jugendlichen – suchen vermehrt nach Stabilität. Das hat Folgen: Von den Firmen wird beispielsweise nicht mehr primär Erfolg und Wachstum gefordert, sondern verantwortungsvolles Handeln. Als Reaktion darauf haben immer mehr Firmen einen eigenen Ehrenkodex veröffentlicht, der definiert, nach welchen Kriterien ihr Umgang mit ihren Mitarbeitern, Kunden und Zulieferern geschehen soll. Dies ist nur ein Beispiel davon, das zeigt: Wertorientiertes Handeln wird wichtiger. Über Werte wird Stabilität gesucht. Die Werte sollen der Individualität einen Rahmen geben, an dem man sich messen und orientieren kann. Sprich, die Individualität wird nicht verdrängt, aber begrenzt. So zumindest der Wunsch.

Diese Neuorientierung nach Werten ist in vollem Gange und bedeutet für unsere (Frei-)Kirchen eine riesen Chance. Wir sollten es nicht versäumen, diese Werte mitzuprägen. Denn sie kommen so oder so. Die Frage ist nur, wie „christlich“ sie sind…

Aber wie sollen wir uns in diese Debatte einklinken? Wie sollen wir prägen? Und wie schaffen wir es, dass wir nicht Trend-Werte weitertragen, die im Kern unseren Glauben gar nicht fördern? Zwei Fragen können helfen dabei:

  1. Was ist an den Werten, die die Gesellschaft aktuell propagiert, das spezifisch Christliche?
  2. Wenn wir die Bibel vorbehaltlos lesen: Für welche Werte würde unser Glaube einstehen?

Zu beiden Fragen ein paar Gedanken:

 

Das spezifisch Christliche der Werte

 Nehmen wir zwei aktuelle Werte: Toleranz und Umweltschutz. Die Gesellschaft definiert Toleranz etwa so: Alles muss sein dürfen, wer das nicht so sieht, muss bekämpft werden. Die Toleranz, die unser Glauben vermitteln möchte, betont etwas anderes: Unterschiedliche Ansichten hindern mich nicht daran, dich zu lieben. Oder nehmen wir den Umweltschutz. Die Gesellschaft ist von einem angstgetriebenen Handeln geprägt: Es scheint erwiesen, dass die Welt sich zerstören wird, wenn wir nicht Handeln. Wir haben uns an ihr schuldig gemacht und müssen sie nun mit allen Mitteln vor dem Untergang bewahren. So die vorherrschende Meinung. Aber was sagt die Bibel zu Umweltschutz? Dass wir es auch tun sollen, aber aus einer anderen Haltung heraus. Wir glauben an einen Gott, der in 1. Mose 8,22 versprochen hat:

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Und ebenso steht in Matthäus 24,36:

Von dem Tage [wo Himmel und Erde werden vergehen] aber und von der Stunde weiss niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.

 Wir wissen also zwei Dinge:

  1. Der Jahresrhythmus wird nicht aufhören, solange es die Erde gibt
  2. Bis wann es die Erde gibt, weiss allein Gott

Was also bleibt, ist das Wissen, dass Gott alles in der Hand hat, auch die Schöpfung. Und was ebenso bleibt, ist der Wunsch, dieser Schöpfung Sorge zu tragen, aus Respekt und Liebe zu Gott, der sie geschaffen hat.

Umweltschutz ja, aber aus einer ganz anderen Motivation heraus.

Toleranz ja, indem sie aushält und nicht bekämpft.

Wer die Werte, die in der Gesellschaft hoch angesehen sind, mit der Frage nach dem explizit Christlichen prüft, findet schnell heraus, wie er die Werte mitprägen kann. Dies ein paar Gedanken in aller Kürze zur ersten Frage. Kommen wir zur zweiten.

 

Die „Original-Werte“ des Glaubens

Würden wir ungeachtet von allem, was uns im Heute prägt, die Bibel aufschlagen und Gott fragen, welche Werte er uns aufs Herz legen würde – was würde er sagen? Würden Umweltschutz und Toleranz dazugehören? Vielleicht schon… Oder nicht? Stell ihm die Frage mal. Mir ist dabei der folgende Vers wichtig geworden:

Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit.

Galater 55,22-23a

Nicht alle diese Werte sind gleich zeitgemäss. Aber weil sie zeitlos sind, spielt das nicht so eine Rolle. Die Leute um uns herum sehnen sich nach Werten, die ihnen helfen, ihr Leben gut zu leben. Und es könnte uns gut anstehen, dabei auch auf Werte zu setzen, die nicht im Trend sind.
Man kann sagen, dass wir uns in einem nachchristlichen Europa befinden. Kann man. Man kann aber auch sagen, dass wir uns in einem vorchristlichen Europa befinden. Ein Kontinent, der darauf wartet, Werte und Orientierung zu bekommen.

Josias Burgherr

Josias Burgherr

Leiter Young Generation und Kommunikation

Josias ist verheiratet, lebt im Aargau und hat zwei Kinder. Er fördert und unterstützt mit seinem Young Generation Team die Kinder-, Teenie- und Jugendarbeit in den Chrischona Gemeinden. Zudem schreibt und gestaltet er für Chrischona Schweiz.

4 Kommentare

  1. Was soll ein Einhorn, ein Fabelwesen aus der Antike, mit Individualismus zu tun haben?

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    • Der Bezug liegt in der Symbolik: Das Einhorn steht für das Einzigartige, das Individuelle, Unverwechselbare, aber auch das Mysthische und Surreale. Das kombiniert mit der Sehnsucht, etwas zu besitzen, das niemand sonst hat, macht es ideal als Vergleich für den Individualismus. So einfach 🙂

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  2. Stark, dass du chancenorientiert denkst! Da steckt ganz viel drin.
    Individualität sehe ich positiv und ist ein Aspekt unserer Menschenwürde. Der Individualismus überdreht dies auf Kosten der Sozialität. Darauf spielst du wohl an.
    Unbedingt Ja – wir haben Chancen, wenn Werte gefragt sind und wenn nach dem gelingenden Leben gesucht wird. Und wir dürfen uns mutig am gesellschaftlichen Dialog und Diskurs beteiligen. Aber das Evangelium ist weit mehr als Werte. Wenn unsere Botschaft lediglich gute Werte sind, ist die Gesetzlichkeit nicht weit.

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    • Individualismus auf Kosten der Sozialiät, aber auch im Sinne einer überdrehten Erwartung, was ein ausgeprägter Individualismus an persönlichem Glück bringen soll. Und ja, da bin ich voll bei dir: Wir sollten jede Verkürzung des Evangeliums vermeiden. Taten gegen Worte auszuspielen und umgekehrt bringt uns nicht weiter. Wir sollten beides mit voller Energie und Freude leben 🙂

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